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Aktuelle Seite: Mächtigkeit und Einfachheit
0231 | 20. JUNI 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Mächtigkeit und Einfachheit

Am Montag, 21. Juni 1926 meldet die Arbeiter-Zeitung unter dem Titel „Frohe Sonntagsarbeit der Gemeinde“: „Sonntag wurden wieder zwei große Wohnhausbauten der Gemeinde eröffnet: der Winarsky-Hof [sic] in der Brigittenau mit 760 Wohnungen und der Bau in der Gussenbauergasse mit 172 Wohnungen.“

Die in den Jahren 1924 bis 1926 errichtete Wohnhausanlage in der Brigittenau ist bereits zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung nach dem viel zu früh verstorbenen Gemeinderat Leopold Winarsky benannt. Mit ihren zahlreichen Gemeinschafts­einrichtungen, wie einem Kindergarten, einem Versammlungssaal, einer Bibliothek, mehreren Ateliers und Werkstätten sowie zahlreichen Geschäftslokalen ist sie, wie Bürgermeister Karl Seitz in seiner Ansprache betont, eine „kleine Stadt“. Und das Resultat einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit von nicht weniger als acht der renommiertesten Architekten – sowie einer Architektin: Josef HoffmannJosef FrankOskar Strnad, Oskar Wlach, Franz Schuster, Adolf Loos, Karl Dirnhuber, Peter Behrens und der erst 29-jährigen Margarete Lihotzky, die im selben Jahr von Ernst May nach Frankfurt abgeworben werden wird. 

Trotz der persönlichen Handschrift der beteiligten Stararchitekten ist hier eines der bemerkenswertesten Ensembles entstanden – ein Bau von „außerordentlicher Monumentalität“, der zwar mächtig, zugleich aber auch schlicht und intim ist.

Ein Wahrzeichen für die Brigittenau

In diesem Hause gibt es 800 Parteien und 3400 Menschen.

Der Winarskyhof bildet gemeinsam mit dem angrenzenden Altersversorgungshaus und dem zum städtischen Entbindungsheim umgebauten ehemaligen Brigittaspital eine große, geschlossene Anlage mit zwei Innenhöfen. Durchschnitten wird sie von der Leystraße, die insgesamt viermal monumental überbrückt ist.

Der bereits im Jahr zuvor fertiggestellte angrenzende Bauteil wird 1949 nach dem von den Nationalsozialisten hingerichteten Funktionär der Revolutionären Sozialisten Otto Haas benannt. Er ist ursprünglich Teil des Winarskyhofes, der damit über 760 Wohnungen umfasst.

Die kleinste Wohnung besteht aus Zimmer, Wohnküche und Vorzimmer; im allgemeinen umfassen die Wohnungen zwei Zimmer und Küche. Jedes Zimmer hat Parkettfußboden, schreibt der deutsche Schriftsteller Ernst Toller, der 1927 auf Lokalaugenschein vorbeikommt.

Auf der freien Fläche zwischen den beiden Bauten, in der Ecke Winarsky- und Durchlaufstraße, wird 1928 das eindrucksvolle Lassalle-Denkmal von Mario Petrucci errichtet. Die Austrofaschisten werden es nach dem Februar 1934 abtragen und zerstören; eine verkleinerte Nachbildung des Lassallekopfes befindet sich heute im Waschsalon Karl-Marx-Hof.

Der große Veranstaltungssaal im zentralen Innenhof wird unter dem Namen „Winarsky-Kino“ ab 1926 für Filmvorführungen genutzt. 1936 wird das „Winarsky“ nach dem nahegelegenen Platz in „Höchstädt“ umbenannt. 1969 muss das Kino, das wenige Jahre zuvor modernisiert worden war und dabei seinen alten Namen wiedererhalten hatte, schließen. Jahrelang ist hier ein Supermarkt untergebracht, heute beherbergen die Räumlichkeiten einen Kindergarten.

Ich schaue mir die Bibliothek an, deren Tische und Stühle von Peter Behrens entworfen sind. [...] Ich gehe ins Hauskino, einen großen Saal, der durch mechanisches Herablassen von Wänden in drei kleinere Säle verwandelt werden kann. Die Kinder aus der nahen Schule sehen einen Naturfilm [...]. Ab und zu finden im Kinosaal gute Konzerte, Vorträge und Theateraufführungen statt. Ernst Toller, 1927

Der Neunte – kein Stiefkind mehr

Nach der feierlichen Eröffnung des Winarskyhofes zieht der Tross der Stadt- und Gemeinderäte, Funktionäre und Beamten mitsamt den sonstigen Festgästen über den Donaukanal in die Gussenbauergasse. Der neunte Bezirk, so Bürgermeister Karl Seitz, sei wegen der zahlreichen Spitalsbauten und des immer noch ungeklärten Expropriationsrechtes ein Stiefkind des sozialen Wohnbaus. Nun könne endlich begonnen werden, dem „entsetzlichen Wohnungselend“ auch hier ein Ende zu bereiten.

Die nach Plänen der Architekten Franz Krauß und Josef Tölk, die seit Jahren eine Arbeitsgemeinschaft unterhalten, errichtete Anlage an der Spittelauer Lände mit 172 Wohnungen bildet einen großen, blockartige Bau mit Innenhof. Die symmetrische Fassade ist durch kleine, spitz zulaufende Loggien und zwei außenliegende Turmbauten gekennzeichnet; über den beiden Eingängen finden sich je zwei Putti. Zur Ausstattung des Wohnbaus, der 1949 nach dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856–1939) benannt werden wird, gehören eine Bibliothek, ein Zahnambulatorium, ein Kindergarten, eine zentrale Bade- und Waschanstalt und drei Künstlerateliers.

Schlagzeile des Tages in den Wiener Blättern ist aber die Ablehnung der entschädigungslosen Enteignung der deutschen Fürsten, die nicht die nötige Mehrheit von 50% der Wahlberechtigung gefunden hat. „Schwere Niederlage der Enteignungsmarxisten im Reiche“ frohlockt die „bürgerliche“ Reichspost.

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