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Am 6. Februar 1985 stirbt die amerikanische Psychoanalytikerin Muriel Morris Gardiner Buttinger im Alter von 83 Jahren in Princeton, New Jersey.
Die 1901 in Chicago geborene Muriel Morris ist die jüngste Tochter eines Fleischverarbeitungsmagnaten und wächst in großem Wohlstand auf. Nach einem Literatur- und Geschichtsstudium am privaten Frauen-College von Wellesley bei Boston reist sie nach Europa, heiratet – aus dieser kurzen Verbindung entstammt ihre Tochter Constance – und kommt 1926 nach Wien, um eine Analyse bei Sigmund Freud zu absolvieren. Dieser vermittelt sie weiter an seine Schülerin, die Amerikanerin Ruth Mack Brunswick.
Gardiner bleibt als Alleinerziehende in Wien, nimmt eine Lehranalyse auf, geht eine weitere kurze Ehe mit dem Engländer Julian Gardiner ein, der in Wien Musik studiert, und inskribiert 1932 Medizin an der Universität Wien, um selbst Psychoanalytikerin zu werden.
(Stephen Spender)

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Fasziniert von den sozialen und kulturellen Errungenschaften des Roten Wien schließt sich die begeisterte Gefühlssozialistin nach der Ausschaltung der Demokratie durch den Austrofaschismus der Untergrundbewegung an und wird unter dem Decknamen „Mary“ für die Revolutionären Sozialisten tätig – sie stellt ihre beiden Wiener Wohnungen und ein abgelegenes Ferienhaus in Sulz im Wienerwald für konspirative Treffen zur Verfügung, beschafft falsche Papiere und ist als Kurier zu Kontaktpersonen im umliegenden Ausland unterwegs.
They were the Socialists who had done a beautiful job in creating a city with all sorts of opportunities for the poor people and the workers. I wanted to help them.
Im Spätsommer 1934 trifft Muriel Gardiner erstmals auf Joseph Buttinger, der die Leitung der illegalen Revolutionären Sozialisten übernommen hatte.
Auch nach dem „Anschluss“ nützt sie ihre Position als unverdächtige Amerikanerin und verhilft unter Einsatz ihres Lebens zahlreichen politisch und „rassisch“ Verfolgten mit Geld, Bürgschaften bei den amerikanischen Behörden und falschen Pässen zur Flucht. Außerdem unterstützt sie den 82-jährigen Sigmund Freud bei seiner Emigration nach London. Mit Freuds Tochter Anna wird sie bis zu deren Tod 1982 in engem Kontakt stehen und die Errichtung Freud-Museums in London tatkräftig fördern.
Sie blieb, gegen alle Vernunft – scheinbar, um ihr Medizinstudium abzuschließen, mehr noch aber, um ihren Freunden zu helfen. Von diesen ausgehend verbreitete sich die Kunde von ihrer Hilfsbereitschaft und ihrem Mitgefühl zu deren Freunden, zu den Freunden dieser Freunde, schließlich zu allen, die in Schwierigkeiten waren, [...] bis sie von einer großen Menge potentieller Opfer umgeben war, die in ihr ihre einzige Hoffnung auf Rettung sahen. Anna Freud, zitiert nach Luise F. Pusch
Im Sommer 1938 schließt Muriel ihr Medizinstudium mit der Promotion zur Dr. med. univ. ab. Danach wird ihr allerdings die Ausreise „nahegelegt“. Gardiner geht nach Paris, wo sie wieder mit Joseph Buttinger zusammentrifft. Die beiden heiraten und emigrieren bei Kriegsausbruch im September 1939 in die USA.
Während der Kriegsjahre ist Muriel Gardiner Buttinger in der Flüchtlingshilfe tätig und unterstützt etwa Käthe Leichters „drei Buben“, Otto, Heinz und Franz. Sie konnte sich bei Präsident Roosevelt Gehör verschaffen und ihn dazu bewegen, besonders gefährdeten Personen amerikanische Notvisa auszustellen, darunter auch meinem Vater, schreibt Henry O. Leichter 1995.

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Stephen Spender, Muriel Gardiner und Joseph Buttinger
Nach dem Krieg arbeitet Muriel Gardiner als Ärztin, Psychoanalytikerin und Autorin, verfasst mehrere Bücher zu Themen der Psychoanalyse, aber auch Erinnerungen an ihre Zeit in Österreich. Zu ihren bekanntesten Werken gehören „The Wolf-Man“ (1971), in dem sie Sigmund Freuds berühmten Fall des „Wolfsmannes“ über infantile Neurosen aufarbeitet – das Werk ist mit einem Vorwort von Anna Freud versehen – sowie ihre Autobiographie „Code Name ‚Mary‘. Memoirs of an American Woman in the Austrian Underground“ (1983).
1989 wird ihr zu Ehren der Muriel-Gardiner-Buttinger-Platz in Favoriten benannt.