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Am 23. Juli 1935 stirbt der Schulreformer Otto Glöckel im Alter von nur 61 Jahren. Sein Begräbnis am Meidlinger Friedhof, an dem tausende Trauergäste teilnehmen, wird zu einer stillen, aber eindrucksvollen Demonstration gegen das herrschende austrofaschistische Regime.
Das Schulwesen war Otto Glöckel tatsächlich in „die Wiege gelegt“. Er kommt 1874 als Sohn eines Lehrers im Schulhaus von Pottendorf (NÖ) zur Welt. Nach der Volks- und Bürgerschule besucht er das Landeslehrerseminar in Wiener Neustadt und wird 1892 provisorischer Unterlehrer auf der Schmelz.
Schon zwei Jahre später tritt er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei und gründet gemeinsam mit Karl Seitz und Paul Speiser den sozialdemokratischen Lehrerverein „Die Jungen“.
1897 heiratet er die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Leopoldine von Pfaffinger, die ebenfalls als Lehrerin tätig ist und sich bereits früh im überparteilichen Allgemeinen Österreichischen Frauenverein engagiert. Noch im selben Jahr wird Otto Glöckel auf Geheiß von Bürgermeister Lueger wegen „politischem Radikalismus“ aus dem Schuldienst entlassen.
Glöckel findet vorübergehend eine Beschäftigung als Beamter in der Unfallkrankenkasse, sein Herz schlägt allerdings weiter für das Schul- und Bildungswesen. Er ist federführend am „Schulprogramm der Jungen“ (1898) beteiligt. 1905 erfolgt die Gründung des antiklerikalen, von Glöckel geleiteten Vereins „Freie Schule“, der es sich zum Ziel setzt, das österreichische Bildungssystem grundlegend zu reformieren und den übergroßen Einfluss der katholischen Kirche im Schulwesen zurückzudrängen.

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Lehrervereinigung mit Karl Seitz (Mitte) und dem Ehepaar Glöckel rechts
Otto Glöckel, der sich nun zunehmend auch politisch engagiert, wird 1906 in den Wiener Gemeinderat gewählt, 1907 auch in den Reichsrat. Noch während des Ersten Weltkriegs legt er am 7. Januar 1917 in einer Versammlung des Vereins „Freie Schule“ im Großen Konzerthaussaal ein wegweisendes Schul- und Erziehungsreformprogramm vor, das den Titel „Das Tor der Zukunft“ trägt. Darin fordert er die Trennung von Kirche und Schule, die Einführung der „Einheitsschule“ der 10- bis 14-Jährigen, die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lernmittel, eine zeitgemäße Gestaltung der Methodik im Sinne einer kindgemäßen Lebens- und Arbeitsschule und die Überwindung der Bürokratie im Schulwesen.
Nach der Gründung der Republik am 12. November 1918 ist Glöckel als Unterstaatssekretär für Inneres für die Durchführung der ersten Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung im Februar 1919 verantwortlich. In der folgenden Koalitionsregierung Renner II leitet er von Mai 1919 bis Oktober 1920 als Unterstaatssekretär für Unterricht (entspricht dem heutigen Unterrichtsminister) die oberste Schulbehörde Österreichs. Bereits im sogenannten Glöckel-Erlass vom 10. April 1919 werden die verpflichtende Beteiligung der Schüler am Religionsunterricht sowie das tägliche Schulgebet abgeschafft. In einem weiteren Erlass vom 22. April 1919 sichert er den Frauen den freien Zugang zu den Universitäten.

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Die von Otto Glöckel seit langem geforderte Einführung einer neuen „Allgemeinen Mittelschule“ kann durch den Bruch der Großen Koalition zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten im Jahr 1920 nicht mehr umgesetzt werden.
So wie auch Julius Tandler wechselt Glöckel vom Bund in den Dienst der Stadt Wien, wo er als stellvertretender Vorsitzender des Bezirksschulrates und von 1922 bis 1934 als Geschäftsführender Präsident des Wiener Stadtschulrates einen Teil seiner Reformvorhaben umsetzen kann – auch nachdem die konservative Bundesregierung das Bildungsbudget der Bundesländer aus Kostengründen drastisch zusammenstutzt.
Nun übernimmt die Stadt Wien größtenteils die Finanzierung und die angemessene Entlohnung der Lehrerschaft. Heute völlig unvorstellbare Regelungen wie „der Zölibat“ der Lehrerinnen werden ebenfalls beseitigt.
Glöckels „Wiener Schulreform“ erregt internationales Aufsehen; sie stellt dem geltenden autoritären Unterrichtsprinzip und dem Modell der reinen Lernschule („Drillschule“) die Forderung nach einer freien Entfaltung der Persönlichkeit des Kindes entgegen. Die sogenannte „Arbeitsschule“ soll das Lesen, Schreiben und Rechnen lebensnah und spielerisch vermitteln und den überkommenen Frontalunterricht ablösen. Kinder, so Glöckels Überzeugung, müssten außerdem von klein auf zu Kritikfähigkeit und selbständigem Denken erzogen werden.
Zur Herstellung einer sozialen Chancengleichheit strebt Glöckel eine einheitliche Organisation des gesamten Erziehungs- und Bildungswesens an: Von der Grundschule über die Allgemeine Mittelschule bis zur Allgemeinbildenden Oberschule. Damit will der Reformer den Abbau von Bildungsbarrieren, die soziale Integration der Kinder und die Ausschaltung des seiner Ansicht nach schädlichen Einflusses der Kirche erreichen.
„Schulreform bleibt eine theoretische Stilübung, solange es nicht gelingt, die Lehrerschaft für die Schulreform zu gewinnen.“Otto Glöckel in Berlin, 1928
Mit seiner „inneren“ Reform des Schulwesens, wie der Limitierung der Klassenschülerhöchstzahlen, der Neuformulierung der Lehrpläne und der Modernisierung der Unterrichtsmethoden, der Herausgabe kindgemäßer Lehrbücher mit Hilfe des von der Stadt Wien gegründeten Verlages Jugend & Volk, der Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel an den Pflichtschulen, der Einübung demokratischer Verhaltensmuster in den Schulgemeinden, der Verbesserung der Lehreraus- und Fortbildung mit Hilfe des 1922 gegründeten Pädagogischen Instituts der Stadt Wien, kann sich Glöckel weitgehend durchsetzen. Die „Wiener Schulreform“ wird zum vielfach gepriesenen Vorbild, Wien zur „Hauptstadt des Kindes“, zum international beachteten Zentrum moderner Pädagogik, das von zahlreichen ausländischen Experten besucht wird.
Teilweise erfolgreich ist Glöckel auch bei seinen organisatorischen Reformen, wie z.B. der Umwandlung der Militärkadetten- in Bundeserziehungsanstalten, beim Ausbau des Sonderschulwesens in Wien und bei der Förderung der Schönbrunner Erzieherschule, die allerdings schon nach wenigen Jahren wieder schließen muss.
Glöckels Vision einer Einheitsschule aller Zehn- bis Vierzehnjährigen scheitert hingegen – seit über 100 Jahren! – am Widerstand der Konservativen; immerhin tritt 1927 an die Stelle der veralteten „Bürgerschule“ die neue vierklassige Hauptschule.

„Also sag deinen Eltern, Peperl: Wenn sie brav sozialdemokratisch wählen, darfst du im nächsten Schuljahr wieder Papierln ausschneiden und im Papp herumpantschen; wenn sie aber christlich wählen, mußt du lesen, schreiben und rechnen lernen!“ Karikatur in der Reichspost, 1923 © ÖNB
Die Konservativen reagieren – ähnlich wie auf Finanzstadtrat Hugo Breitner – mit Hass, Hohn und Antisemitismus und rufen zum „Kulturkampf“ auf. Besonders erzürnt die Christlichsozialen die Trennung von Kirche und Staat. In den „Wiener Stimmen“, einer Nebenausgabe der christlichsozialen Reichspost, erscheint eine Karikatur mit dem Text „Herr Glöckel, sagen Sie ihren jüdischen Auftraggebern, daß wir uns unseren Herrgott nicht nehmen lassen".
Eigentlich war die Trennung von Schule und Kirche bereits im Reichsvolksschulgesetz von 1869 festgeschrieben; wegen des hinhaltenden Widerstands der mächtigen katholischen Kirche kommt es 1883 zu einer Novellierung, und ab 1905 ist die Teilnahme am Religionsunterricht und am sonntäglichen Gottesdienst für alle katholischen Schüler wieder verpflichtend – unter Strafandrohung!
Otto Glöckel, der von 1918 bis 1920 auch Mitglied der Provisorischen bzw. der Konstituierenden Nationalversammlung und von 1920 bis 1934 Nationalratsabgeordneter ist, wird infolge der Februarkämpfe am 13. Februar 1934 in seinem Büro im Palais Epstein verhaftet und für mehrere Monate im Anhaltelager Wöllersdorf festgehalten. Auf internationalen Druck lässt man ihn am 29. Oktober 1934 frei. Gesundheitlich schwer gezeichnet, stirbt er nur wenige Monate später in seinem Wohnhaus in Gaudenzdorf.

Büste im Waschsalon Karl-Marx-Hof
Am Palais Epstein, das in den Jahren 1870 bis 1873 nach Plänen von Theophil Hansen für den Bankier Gustav von Epstein errichtet und 1902 vom Staat für den Verwaltungsgerichtshof erworben worden und von 1922 (mit Unterbrechungen: 1938–1945 Bauamt, 1945–1955 Sowjetische Kommandantur) bis 2001 Sitz des Stadtschulrates für Wien ist, wird 1958 eine Gedenktafel für den Schulreformer Otto Glöckel angebracht. Eine weitere Gedenktafel befindet sich am früheren Wohnhaus der Glöckels am Gaudenzdorfer Gürtel 47.
Die während Glöckels Amtszeit als Geschäftsführender Präsident des Stadtschulrates im Jahr 1933 errichtete Schule in der Hietzinger Veitingergasse 9 wird 1946 Otto-Glöckel-Schule benannt. Die Schule gilt zum Zeitpunkt ihrer Errichtung mit ihren hellen Klassen und ihren großzügigen Grün- und Sportanlagen als die modernste Schule Österreichs. 1949 wird in der Schule eine Otto Glöckel-Büste des Bildhauers Sepp Haberl enthüllt.
Weitere Schulen in St. Pölten, Groß-Enzersdorf, Wiener Neustadt und Linz tragen ebenfalls Glöckels Namen.
2002 wird der Otto-Glöckel-Weg in Donaustadt nach dem Schulreformator benannt. Auch in seinem Geburtsort Pottendorf, in Grödig, Leoben, Luftenberg, Mattersburg, Neunkirchen, Traiskirchen, Steyr, Strasshof und St. Pölten sind Straßen nach Otto Glöckel benannt.
Anlässlich des 100. Geburtstags von Otto Glöckel wird auf Beschluss des Wiener Gemeinderates vom 22. Februar 1974 die Otto-Glöckel-Medaille der Stadt Wien gestiftet, die als äußeres Zeichen der Anerkennung und Würdigung an Personen verliehen wird, die sich durch außerordentliche pädagogische Leistungen im Schulwesen oder in der Jugend- und Erwachsenenbildung hervorragende Verdienste erworben haben.
Werk: Schule und Klerikalismus, 1911; Das Tor der Zukunft, 1919; Die österreichische Schulreform, 1923; Die Entwicklung des Wiener Schulwesens seit dem Jahre 1919, 1927; Drillschule, Lernschule, Arbeitsschule, 1928; Otto Glöckel. Selbstbiographie, 1939. - Otto Glöckel. Ausgewählte Schriften und Reden, herausgegeben von Otto Achs, 1985.
Literatur: Oskar Achs und Albert Krassnigg, Drillschule, Lernschule, Arbeitsschule. Otto Glöckel und die österreichische Schulreform der Ersten Republik, 1974; Grete Anzengruber, Otto Glöckel – Mythos und Wirklichkeit, 1985; Hans Matzenauer (Hrsg.), Die Schulreform geht weiter, 1985; Elisabeth Böhnel, Glöckels Konzept der Reform der Pflichtschullehrerausbildung – eine pädagogische Vision?, 1990; Willi Urbanek (Hrsg.), Auf der Spurensuche nach Otto Glöckel. Zur Bildungsrevolution Otto Glöckels, 2006.