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0173 | 19.DEZEMBER 2024    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Post aus Rapallo


Am 19. Dezember 1929 schreibt der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann einen Brief an Stadtrat Julius Tandler.

Rapallo, Villa Carlevaro, 19. Dezember 1929

Hochverehrter Herr Stadtrat!

Zu den Berufen, die wahrhaft befriedigen müssen, gehört der Ihre. Sichtbar für Sie und andre, üben Sie humanitäre Wirkungen höchsten Grades aus. […]

Es war ein bedeutungsvoller Morgen, als sie uns in Ihren Arbeitskreis Einblick nehmen ließen. Was kann es Schöneres – ich sage im Sinne Platos Schöneres! – geben, als den Augenschein wahrer Sozialreform! […]

Ich konnte, so deutlich wie selten, erkennen, daß sich aus der undurchsichtig brodelnden Flußtrübe der Zeit in aller Stille Allerwertvollstes auskristallisiert, etwas, bei dessen Betrachtung Skepsis zum Unding wird. Und das hat meinem wankenden Fortschrittsglauben Halt gegeben.

[…] Das Schicksal hat Sie an einen beneidenswerten Platz gestellt und hat Ihnen eine beneidenswerte Kraft gegeben, schwere, aber im höchsten Grade lohnende Pflichten, selbstgesetzte zum Teil, zu erfüllen; ein Los, dessen sich nicht leicht jemand rühmen kann.

[…] Sie suchen dem Menschen im Kinde, im Knaben, im Mädchen, nicht nur, ich möchte sagen, zu einer brutalen Gesundheit zu verhelfen, sondern, Sie suchen ihn zu bilden. Dies geschieht nicht auf komplizierte, sondern auf einfache Art mit Hilfe von Mitteln, die dem Kinde angemessen und willkommen sind. Sie machen mit dem Gedanken Ernst, wahre Zivilisation allgemein durchzusetzen.

Die Wohlfahrtseinrichtungen Wiens, soweit ich sie unter Ihrer Leitung kennengelernt habe, scheinen mir musterhaft und berufen, Schule zu machen. […] Ich bin bei unserem gemeinsamen Rundgang aus dem Staunen und der inneren Freude über das Gesehene nicht herausgekommen. Was hier wächst, Blätter, Blüten und Früchte treibt, wurzelt im Boden reiner Menschlichkeit. Ich sage getrost: das ist das besonders Beglückende. […]

Ihr ganz ergebener

Gerhart Hauptmann m.p. [Anm.manu propria, „mit eigener Hand“]

Ein Burgtheaterring

Grund für Hauptmanns Wienbesuch im Dezember 1929 – der Schriftsteller ist ein häufiger Gast – ist die Verleihung des vom Herausgeber des Neuen Wiener Journals Jakob Lippowitz gestifteten und vom Journalisten- und Schriftsteller­verband Concordia zuerkannten Burgtheaterrings. Ein Empfang im Unterrichts­ministerium steht ebenfalls auf dem Programm, und im Burgtheater werden am 3. Dezember zwei Einakter des Dichters, „Die schwarze Maske“ und „Hexenritt“, uraufgeführt. Die Werke werden vom Publikum ohne besondere Begeisterung aufgenommen und von der Kritik zerrissen. „Ein schwaches und schwankendes Werk“, schreibt die Wiener Allgemeine Zeitung am 5. Dezember.

Es darf angenommen werden, dass die von Hauptmann erwähnte Führung durch die Wohlfahrtseinrichtungen des Roten Wien als Zusatzprogramm zu diesen offiziellen Terminen stattgefunden hat. Julius Tandler, der gerne in Künstlerkreisen verkehrt und ein häufiger Gast in den Salons der Stadt ist, und Gerhart Hauptmann kennen einander.

Die Künstlermuse und notorische Femme fatale Alma Mahler-Werfel schildert in ihrem Buch „Mein Leben“ eine dieser privaten Begegnungen in ihrer Villa auf der Hohen Warte: Am 15. Oktober 1930, waren wir wieder einmal alle bei uns: Hauptmanns, Schönherrs, der Prälat D. und Julius Tandler. […] Ich ließ nach dem schwarzen Kaffee wieder frischen Champagner servieren, und Hauptmann trank lustig weiter. Ich bot Julius Tandler ein Glas an und machte die boshafte Bemerkung, daß er aus sozialistischen Prinzipien ja wohl nicht mehr trinken dürfe. Und nun ging es los. Gerhard Hauptmann erzählte von einem Sozialistenführer, der sein Jugendfreund war, bis zu einem gewissen Grad nämlich, wo er anfing doktrinär zu werden. Denn da hätten sich ihre Wege getrennt. Dieser Mann ein Naturforscher, hätte ihm immer antialkoholische Reden gehalten, deren säuerlicher Ton ihn verärgerte. Tandler aus dem Konzept gebracht, fing nun an, die Gesetzlichkeit des Marxismus zu verteidigen. Aber so trocken und übergebildet […] er wurde immer unsicherer und unsicherer, daß es eine Lust war zuzuhören.

Gerhard Hauptmann entgegnete: ‚Entschuldigen Sie, aber ich kenne doch meine schlesischen Berg­arbeiter und Glasbläser... nehmen sie denen noch den Alkohol, was bleibt den armen Teufeln dann noch übrig?‘ Tandler antwortete: ‚Der Arbeiter versauft seinen Wochenlohn, dann geht er nach Hause, prügelt seine Frau, und dann wirft er sich auf sie. Da zeugt er ein Kind, das ein Trottel werden muss.‘ ‚... oder ein Beethoven!´ schrie Hauptmann, (denn der Vater Beethovens war ein Potator und seine Mutter eine saufende, gewalttätige Frau,…). ‚Ich beuge mich vor dem Genie‘, sagte Tandler, ‚aber das ist keine Norm!‘ Hauptmann lachte über das ganze Gesicht und sagte dann verschmitzt: ‚Ach, lassen Sie doch die Leutchen – es macht doch soviel Spass!‘ Er hob das Glas und nickte Tandler zu, der gebrochen in seinem Stuhl hing. (zit.n. Julius Tandler, Anatom und Gemeindepolitiker, Irene Atefie, 2012)

Hauptmann und Tandler

Nun ist Hauptmann, der im Ausland als der Repräsentant der deutschen Literatur schlechthin gilt, längst nicht mehr der sozial engagierte Naturalist, der 1892 „Die Weber“ verfasst hatte. Die konservativen Kreise des Landes und auch die Staatsführung waren von diesem Stück wenig begeistert gewesen, und die preußische Zensur belegte es sogar mit einem Aufführungs­verbot, da sie in dem Stück einen Aufruf zum Klassenkampf zu erkennen glaubte. Mittlerweile ist die Nachfrage nach den Werken Hauptmanns rückläufig. Um seinen aufwändigen Lebensstandard zu halten, schreibt er Drehbücher und sogar Fortsetzungsromane. 

Julius Tandler hingegen befindet sich am Höhepunkt seiner Popularität. Im Sommer 1929 ist er zum I. Internationalen Hospitalkongreß nach Atlantic City (USA) eingeladen. Bei seiner Ankunft in New York wird er Dienstauto des Bürgermeisters abgeholt, und „wohin ich immer kam, wurde ich herzlich willkommen geheißen“. Mit seinen Ausführungen zur Wiener Jugendfürsorge erregt er einiges Aufsehen. „Der Gesundheits­sekretär der Stadt New York […] bekannte freimütig: ‚Wir sind höchlichst überrascht und bewundern diese Leistungen der Wiener Gemeindeverwaltung auf sozialem Gebiet. Etwas Ähnliches existiert in New York bis heute nicht. Dieses Wohlfahrtswerk ist um so erstaunlicher, als es nur dadurch ermöglicht werden konnte, daß für den Einzelmenschen in Wien siebenmal so viel an Abgaben für Wohlfahrtswesen erwachsen als in New York.‘“

Ab 1930 ist Tandler auch im Rahmen des Völkerbundes tätig, und 1931 spricht er anlässlich der in Wien abgehaltenen 2. Arbeiterolympiade bei der feierlichen Eröffnung des neuen Praterstadions, das von der Presse als „Europas schönste und modernste Sportarena“ gefeiert wird.

Interessant an der Briefepisode ist vor allem die Tatsache, dass dieses Schreiben erst viel später, nämlich am 23. April 1932 in der Arbeiter-Zeitung mit der lapidaren Bemerkung „Gerhart Hauptmann, der große deutsche Dichter, hat nach einem Besuch in Wien, bei dem er auch die Schöpfungen der Gemeinde besichtigte, nachstehenden Brief an Professor Tandler geschrieben“ veröffentlicht wird. Zu einem Zeitpunkt also, da die Sozialdemokratie bereits stark in der Defensive und Julius Tandler an seinem Institut mit immer gewalttätigeren, antisemitisch motivierten Ausschreitungen konfrontiert ist.

Im Frühjahr 1933 beendet Tandler sein politisches Engagement und nimmt eine Einladung des National College of Medicine in Shanghai an. Gerhart Hauptmann hingegen wird nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten eine Loyalitäts­erklärung der Deutschen Akademie der Dichtung unterzeichnen. Sein Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP wird allerdings abgelehnt, sein Verhältnis zum National­sozialismus bleibt ambivalent. Den neuen „Herrenmenschen“ ist der Autor soziakritischer Werke nicht ganz geheurer. Das „Amt Rosenberg“, die für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP beauftragte Dienststelle des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg,  schreibt 1942 in einer Stellungnahme: „Bei aller Anerkennung der künstlerischen Gestaltungskraft Hauptmanns ist die weltanschauliche Haltung der meisten seiner Werke vom nationalsozialistischen Standpunkt aus kritisch zu betrachten.“

Julius Tandler stirbt 1936 während eines Aufenthaltes in Moskau, Hauptmann zehn Jahre später in seiner mittlerweile polnisch gewordenen schlesischen Heimat.

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