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Aktuelle Seite: „... recht fette Dividenden“
0133 | 1. DEZEMBER 2023    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„... recht fette Dividenden“

Die Wienerberger Ziegel-Fabrik- und Bau-Gesellschaft zahlt ihren Aktionären recht fette Dividenden. So beginnt ein Artikel unter dem harmlosen Titel „Die Lage der Ziegel­arbeiter“, der am 1. Dezember 1888 im „Sozialdemo­kratischen Wochenblatt Gleichheit“ erscheint und reichlich Staub aufwirbelt.

Der Autor ist niemand Geringerer als der Arzt und spätere Vorsitzende der Sozial­demokratischen Arbeiterpartei, Victor Adler. Adler, der nach dem Tod seines Vaters einen erheblichen Geldbetrag erbt, wendet einen beträchtlichen Teil seines neuen Vermögens für politische Aktivitäten auf, steigt 1886 ins Zeitungsgeschäft ein und lässt die 1870 in Wiener Neustadt gegründete und seit 1877 verbotene Gleichheit wiederauferstehen.

In der „Probenummer“ vom 11. Dezember 1886 heißt es: In Oesterreich, besonders in Wien unter dem Ausnahmszustand ein Blatt herauszugeben, welches auf dem Standpunkte der sozial­demokratischen Arbeiterpartei steht, ist bekanntlich keine leichte Aufgabe. […] Der Arbeiterschaft ohne Rücksicht auf Fraktions­unterschiede eine nun in Wien schon lange und schwer entbehrte Waffe im Kampfe für ihr gutes Recht und die von ihr erkannte Wahrheit zuzuführen, ist die offene Ansicht und der einzige Zweck dieses Unternehmens.

Die neue Gleichheit erscheint immer samstags, und ist einer Tageszeitung bereits sehr ähnlich. Als Feuilleton beigelegt ist der Zeitung ein „Illustriertes Unterhaltungsblatt für das Volk“. Illuster ist auch der Kreis der Mitarbeiter – der Dichter Hermann Bahr, die führenden deutschen Linken Friedrich Engels, Klara Zetkin, August Bebel, Eduard Bernstein und Wilhelm Liebknecht, sowie die Brüder Scheu.

Die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint.

1888 schleust ein Ziegelarbeiter den „Doktor Adler“ auf das hermetisch abgeschlossene Werksgelände der Ziegelfabrik am Wienerberg ein. Adler sieht mit eigenen Augen die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen der zumeist aus Böhmen und Mähren stammenden „Ziegelböhm“, der sogenannten Maltaweiber (Mörtelmischerinnen), der Ziegelschläger, der Lehmscheiber und der Sandler – in der Regel Kinder, die Sand in die Ziegelformen zu streuen hatten.

Nun denn, diese armen Ziegelarbeiter sind die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint. Die blutige Ausbeutung dieser elendsten aller Proletarier wird durch das verbrecherische, vom Gesetz ausdrücklich verbotene Trucksystem, die Blechwirtschaft, in unbedingte Abhängigkeit verwandelt. Der Hunger und das Elend, zu dem sie verdammt sind, wird noch entsetzlicher durch die Wohnungen, in welche sie von der Fabrik oder ihren Beamten zwangsweise eingepfercht werden.

Das von Adler erwähnte, seit 1885 „ausdrücklich verbotene Trucksystem“, ist eine besonders perfide Form der Ausbeutung. „To truck“ bedeutet soviel wie „eintauschen“undbezeichnet eigentlich die Entlohnung von Arbeitern durch Waren. Im konkreten Fall werdendie ohnedies schlecht bezahlten Arbeiter allerdings weder mit Geld noch mit Waren entlohnt, sondern erhalten wertlose Blechmarken, die sie nur bei einem bestimmten Kantinenwirt einlösen können, der dadurch eine Monopolstellung besitzt und weit überhöhte Preise verlangt.

[...] zwei- bis dreimal täglich erfolgt die Auszahlung in „Blech“, ohne daß auch nur gefragt wird, ob der Arbeiter es will und braucht. [...] Dieses Blech wird nur in den den einzelnen Partien zugewiesenen Kantinen angenommen, so daß der Arbeiter nicht nur aus dem Werk nicht herauskann, weil er kein „gutes Geld“ hat, sondern auch innerhalb des Werkes ist jeder einem besonderen Kantinenwirt als Bewucherungsobjekt zugewiesen. Die Preise in diesen Kantinen sind bedeutend höher als in dem Orte Inzersdorf. [...] die Qualität der Nahrung ist natürlich die denkbar elendste. Im Gefühl seiner Macht sagte ein Wirt einem Arbeiter, der sich beklagte: „Und wenn ich in die Schüssel sch..., müsst ihr's auch fressen.“ Und der Mann hat recht, sie m ü s s e n.

Und dieses Verbrechen wird begangen vor den Toren Wiens, unter den Augen der Gewerbebehörden und der Gewerbeinspektoren. Wenn das Inspektorat zu schwach ist, um gegen die mächtige Gesellschaft aufzukommen, wir werden seine Bemühungen unterstützen.

Schamhaftigkeit ist ein Luxus der Besitzenden

Die „Arbeitssklaven vom Wienerberg“ produzieren jene rund 25 Milliarden Stück Ziegel jährlich, mit denen u.a. die Prachtbauten an der neuen Wiener Ringstraße errichtet werden. Ihre eigenen, fabrikeigenen Unterkünfte, für die sogar noch Miete zu bezahlen ist, sind hingegen erbärmlich:

Für die Ziegelschläger gibt es elende „Arbeiterhäuser“. In jedem einzelnen Raum, sogenanntem „Zimmer“ dieser Hütten, schlafen je drei, vier bis zehn Familien, Männer, Weiber, Kinder, alle durcheinander, untereinander, übereinander. [...] Seit einiger Zeit „wohnen“ die Ledigen in eigenen Schlafräumen. Ein nicht mehr benützter Ringofen, eine alte Baracke, wird dazu benützt. Da liegen denn in einem einzigen Raum 40, 50 bis 70 Personen. Holzpritschen, elendes altes Stroh, darauf liegen sie Körper an Körper hingeschlichtet. [...]

Alte Fetzen bilden die Unterlage, ihre schmutzigen Kleider dienen zum Zudecken. Manche ziehen ihr einziges Hemd aus, um es zu schonen und liegen nackt da. Daß Wanzen und Läuse die steten Bettbegleiter sind, ist natürlich. Von Waschen, von Reinigen der Kleider kann ja keine Rede sein. Aber noch mehr. In einem dieser Schlafsäle, wo 50 Menschen schlafen, liegt in einer Ecke ein Ehepaar. Die Frau hat vor zwei Wochen in demselben Raum, in Gegenwart der 50 halbnackten, schmutzigen Männer, in diesem stinkenden Dunst entbunden! Sprechen wir nicht von Schamhaftigkeit, sie ist ein Luxus, den sich nur Besitzende leisten können.

Die aufsehenerregende Reportage erreicht zweierlei: Das Gewerbe­inspektorat prüft die Zustände in den Wienerberger Ziegelwerken und untersagt die weitere Anwendung des Trucksystems. Vor Gericht erscheinen muss wegen der gesetzlich verbotenen Bezahlung mit Blech­münzen jedoch niemand. Und auch die Arbeitsbedingungen werden keinen Deut besser. Im Gegenteil: Es werden „strenge Nachforschungen“ angestellt, welche Arbeiter die Gleichheit besitzen oder verteilen. Victor Adler und zwei Ziegelarbeiter werden schlussendlich wegen der unbefugten Verbreitung der Zeitung zu Geldstrafen verurteilt.

Klassenjustiz – und erste Verbesserungen

Doch Adler lässt nicht locker und publiziert nur wenige Monate später, im April 1889, einen Bericht über den Streik der Tramwaykutscher in Wien. Wieder hagelt es Anzeigen: Gegen den Verwalter der Gleichheit, Ludwig Bretschneider und Victor Adler. Dieser wird zu vier Monaten Kerker verurteilt.

Die Gleichheit, die in den dreißig Monaten ihres Bestehens insgesamt 45 Mal beschlag­nahmt und um zahlreiche Artikel „erleichtert“ worden ist, muss infolge der Arbeiterunruhen in Steyr und der daraus resultierenden Ausnahmegesetze ihr Erscheinen am 14. Juni 1889 einstellen. Wenig später erscheint die erste Nummer der neuen Arbeiter-Zeitung.

Und die Ziegelarbeiter? Sie beginnen sich zu organisieren, nicht nur in Wien, sondern auch in Böhmen, Mähren und Galizien. Im April 1895 bestreiken rund 10.000 Arbeiterinnen und Arbeiter mehr als 30 Ziegeleien in Wien und Umgebung. Die Freien Gewerkschaften organisieren eine Solidaritäts­kampagne, Frauen sammeln Bekleidung, in Gasthäusern wird kostenloses Essen an die streikenden Arbeiter ausgegeben.

Nach acht Streiktagen erkennen die Unternehmer erstmals die Gewerkschafter als gleich­berechtigte Verhandlungspartner an. Das Ergebnis des zähen Ringens: Eine Lohnerhöhung von durchschnittlich 15 Prozent, die Einhaltung des Elfstunden­tages und der Sonntagsruhe sowie die Einführung eines gerechteren Prämiensystems.

Literatur
AK-NÖ (Hrsg.), So lebten die Ziegelarbeiter vom Wienerberg, 1980; Agnes Streissler, Die Inzersdorfer Ziegelarbeiter. Eine sozialstatistische Fallstudie zur Industrialisierung im Raum Wien, 1991.

Der „Fanatiker der Parteieinheit“

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