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Aktuelle Seite: Schönheit ist alles
0227 | 7. MAI 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Schönheit ist alles

Am 7. Mai 1956 stirbt Josef Hoffmann, der nach Otto Wagner bedeutendste österreichische Architekt des frühen 20. Jahrhunderts.

Josef Hoffmann kommt 1870 als Sohn des Bürgermeisters und Miteigentümers einer Textilmanufaktur in der mährischen Kleinstadt Brtnice (Pirnitz) zur Welt. Er besucht die Staatsgewerbeschule in Brünn, wo Adolf Loos, Leopold Bauer und Hubert Gessner seine Klassenkameraden sind.

1892 übersiedelt Hoffmann nach Wien, um bei Carl von Hasenauer an der Akademie der bildenden Künste zu studieren. Nach dem Tod seines Lehrers beendet Hoffmann die Ausbildung an der Meisterschule Otto Wagners, der eine neue, zweckorientierte Architektur propagiert.

Gemeinsam mit Josef Olbrich, der 1900 an die Darmstädter Künstlerkolonie wechseln wird, dem Maler Kolo Moser, Joseph Urban, dem späteren Architekten des berühmten Anwesens Mar-a-Lago in Florida, Jan Kotěra, der eine ganze Generation tschechischer Architekten beeinflussen wird, gründen die Kommilitonen Mitte der 1890er-Jahre den „Siebener Club“ – „eine gesellige Vereinigung von Malern, Architekten und Bildhauern“, und zugleich Keimzelle der ersten Wiener Moderne, aus der 1897 die Secession und 1899 der Hagenbund hervorgehen werden.

Neben Wagners prägendem Einfluss wird ein längerer Studienaufenthalt in Italien wesentlich für Hoffmanns weitere Entwicklung. Es sind die einfachen, kubischen Bauten der mediterranen Architektur, die ihn künftig inspirieren.

Design vom Allerfeinsten

Nach seiner Rückkehr arbeitet er zunächst im Atelier Otto Wagners, wo er am Ausbau der Wiener Stadtbahn beteiligt ist, gehört 1897 zu den Mitbegründern der Secession, die mit der konservativen Genossenschaft bildender Künstler bricht. 1899 wird Hoffmann Professor an der Wiener Kunstgewerbeschule, der heutigen „Angewandten“. Zu seinen bekanntesten Schülern zählen Carl Witzmann, Emanuel Margold, Max Fellerer, Oswald Haerdtl und Otto Prutscher.

Nachdem Bauaufträge für den Aufmüpfigen ausbleiben, widmet sich Hoffmann zunehmend der Innenraumgestaltung und dem Design. Seine Auftraggeber kommen vor allem aus dem jüdischen Großbürgertum, allen voran aus der Familie Wittgenstein.

Von 1903 bis zu ihrer Liquidierung im Jahr 1932 leitet Josef Hoffmann die nach dem Vorbild des britischen Arts and Crafts Movement gegründete „Wiener Werkstätte“. Produziert werden kostbare Alltags­gegenstände, Schmuck, Textilien, Keramiken und Möbel von erlesener Qualität, die dem Wiener Jugendstil und Art Déco ein ganz eigenes Gepräge geben und so erfolgreich sind, dass sogar Verkaufsstellen in New York, Berlin und Zürich eingerichtet werden. 

Die Ausstattungen des von Josef Hoffmann im Auftrag der Familie Zuckerkandl errichteten Sanatoriums in Unter-Purkersdorf (1904–1906) sowie des Palais Stoclet (1906–1911) in Brüssel, dessen Innen­einrichtung in Zusammenarbeit mit Gustav Klimt, Kolo Moser und anderen entsteht, stammen ausschließlich aus der Wiener Werkstätte.

Daneben entwirft Hoffmann zahlreiche Villen samt Inneneinrichtungen, Geschäfts­lokale, Pavillons und Hotels, und übt als Lehrer einen prägenden Einfluss auf den gesamten österreichischen Architekturnachwuchs aus. Für die Bankiersfamilie Primavesi errichtet er noch vor dem Ersten Weltkrieg die spektakuläre, klassizistisch inspirierte Stadtvilla in Hietzing und ein Landhaus in Mähren.

Den von ihm 1912 mitbegründeten „Österreichischen Werkbund“, einer Vereinigung von 178 Künstlern, Architekten, Unternehmern und Handwerkern, verlässt Hoffmann 1920 im Streit. Im nachfolgenden „Werkbund Wien“ spielt Hoffmann allerdings wieder eine führende Rolle. Unter der künstlerischen Leitung des Architekten Josef Frank entsteht in den Jahren 1930 bis 1932 die Wiener Werkbundsiedlung.

Ein Unpolitischer?

Josef Hoffmann, der politisch-weltanschaulich schwer einzuordnen ist, arbeitet in der Ersten Republik auch für das Rote Wien. Er plant den Anton-Hölzl-Hof (1931/32) – Weihsmann bezeichnet die Anlage als „bescheiden und lustlos“ – mit dem eindrucksvollen Arbeiterrelief in der Laxenburgerstraße 94, den betont nüchternen und modernen Klosehof in der Döblinger Philippovichgasse 1 und er wirkt auch am Winarskyhof in der Brigittenau sowie bei der Werkbundsiedlung in Hietzing mit, wo er die vier ebenerdigen Reihenhäuser in der Veitingergasse errichtet.

1934 gründet Josef Hoffmann, der Zeit seines Lebens mit jüdischen Kollegen und für jüdische Auftraggeber gearbeitet hatte, gemeinsam mit Clemens Holzmeister und Peter Behrens den „Neuen Werkbund Österreich“, der sich von der zunehmend antisemitischen Politik der Zeit mitreißen lässt und jüdische Mitglieder explizit ausschließt. Der Bruch zwischen Josef Hofmann und Josef Frank ist damit besiegelt, Frank emigriert Ende 1933 nach Schweden.

„Indifferent“

In der Zeit des National­sozialismus bleibt Hoffmann, trotz seiner Avancen an das Regime, eher unterbeschäftigt. Als international renommierter Architekt erhält er zunächst den Auftrag zur Errichtung des „Hauses der Wehrmacht“ und des „Hauses der Mode“. Übertragen wird ihm das „Amt zur Hebung des Wiener Kunsthandwerks“, größere Ehrungen bleiben jedoch aus. Bei den National­sozialisten gilt er, trotz einiger antisemitischer Artikel aus seiner Feder, als „judenfreundlich“.

In Hoffmanns „Gauakt“ heißt es: In fachlicher Hinsicht ist er Vertreter der modernen Kunst und mit der Kunst national­sozialistischer Richtung nicht einver­standen. Seine künstlerische Anschauung ist international. Er hat daher vor dem Umbruch viel mit Juden verkehrt, da er auch Mit­glied der Wiener Werkstätte, die vollkommen verjudet war, ge­wesen ist. […] Er ist Sudetendeutscher, hat sich in politischer Hin­sicht indifferent verhalten und erst nach dem Umbruch sein deut­sches Herz entdeckt.“

In der Zweiten Republik wird Josef Hoffmann nach kurzer Entnazifizierung vorwiegend mit nichtarchitektonischen Aufgaben betraut, etwa der Kommissions­leitung der Biennale in Venedig. Realisieren kann er noch drei eher unbedeutende Wohnhaus­anlagen in der Blechturmgasse 23–27, der Silbergasse 2–4 sowie der Heiligen­städter Straße 129. Was für ein Abgesang!

Die Arbeiter-Zeitung widmet ihm einen versöhnlichen Nachruf. Mit Hoffmann sei der „letzte noch lebende Mitbegründer der Wiener Secession“ dahingegangen; er habe „das österreichische Kunstgewerbe ebenso revolutioniert wie die Architektur“. Sein Lebenswerk sei „bereits jetzt in die Geschichte der Kunst unseres Jahrhunderts eingegangen“.

2021 präsentiert das MAK eine umfassende Schau über den „Designer, Architekten und Geschmacksstifter“ Josef Hoffmann. Der Katalog zur Ausstellung trägt den Titel „JOSEF HOFFMANN 1870–1956: Fortschritt durch Schönheit. Das Handbuch zum Werk“.

Werk: Die Schule des Architekten, 1924.

Literatur: Daniele Baroni, Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte, 1984; Friedrich Kurrent und Alice Strobl, Das Palais Stoclet in Brüssel, 1991; Ingrid Maier, Die Lehrtätigkeit Josef Hoffmanns und seine Schüler in der Kunstgewerbeschule Wien von 1898 bis 1914, 1988; Peter Noever [Hrsg.], Josef Hoffmann, 2010; Leopold W. Rochowanski, Josef Hoffmann. Eine Studie. Geschrieben zu seinem 80. Geburtstag, 1950; Michael Schmid, Hoffmann in Wien. Der Kunst- und Kulturführer zur Wiener Moderne, 2014; Eduard F. Sekler, Josef Hoffmann. Das architektonische Werk, 1982; ders., Josef Hoffmann 1870-1956, 1991; Helmut Weihsmann, In Wien erbaut, 2005; Armand Weiser, Josef Hoffmann, 1930; Markus Kristan, Der späte Josef Hoffmann, 2023; Markus Kristan, Josef Hoffmann. Zweck und Zierde, 2023.

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