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0212 | 22. DEZEMBER 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Sprechende Zeichen“


Am 22. Dezember 1945 stirbt der Tausendsassa Otto Neurath im englischen Oxford – ohne Wien noch einmal gesehen zu haben.

Nonkonformismus und die Hinwendung zu Wissenschaft und Philosophie sind dem 1882 in Wien geborenen Neurath buchstäblich „in die Wiege gelegt“ worden. Ottos Vater Wilhelm Neurath wird 1840 im Pressburger Komitat als Sohn mittelloser, aber tiefreligiöser jüdischer Eltern geboren. Wilhelm verlässt sein Elternhaus mit elf Jahren (!) und verdingt sich als „Lehrgehilfe“. Er maturiert 1866 und studiert anschließend in Wien, wo er 1871 zum Doktor der Philosophie promoviert wird. Er wird Sekretär des Reform-Vereins der Wiener Kaufleute, unterrichtet National­ökonomie an der Handelsmittelschule, schließt nebenbei noch ein Studium an der Staatswissen­schaftlichen Fakultät in Tübingen ab, habilitiert sich an der Technischen Hochschule in Wien mit einer Arbeit über „Die Funktion des Geldes“ und bringt es bis zum Ordinarius der Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Bodenkultur in Wien.

Wilhelm Neurath ist ein radikaler Kritiker des Kapitalismus, aber kein Sozialist.

Der Historiker Steven Beller bezeichnet Wilhelm Neurath als „Paradebeispiel“ für den Prozess der Loslösung vieler Intellektueller von den Fesseln der religiösen jüdischen Tradition und der Zuwendung hin zu Wissenschaft und Philosophie als „eine Art säkularisiertes Judentum“. Otto Neurath habe diese Einstellung von seinem Vater geerbt.

Ottos Mutter Gertrud stammt aus einer protestantischen Familie mit ostpreussischen Wurzeln. Ihre ältere Schwester, Ottos Tante Katharina, ist Sozialarbeiterin und gründet mit ihrem Mann Franz Migerka bereits in den 1870er Jahren die ersten hauswirtschaftlichen Schulen für Dienstmädchen, die sogenannten Migerka-Schulen, und 1894 den „Hilfsverein für Lehrmädchen und jugendliche Arbeiterinnen“. Volksbildung und die „Frauenfrage“ stehen in der Familie hoch im Kurs. Eine der Migerka-Töchter ist die Frauenrechtlerin Helene Migerka.

Ein „Früh-Umtriebiger“

Otto Neurath studiert ab 1901 in Wien und Berlin Mathematik, Ökonomie, Geschichte und Philosophie und wird 1906 in Berlin promoviert. Als Mitglied des „Ersten Wiener Kreises“ nimmt er ab 1907 an den zunächst noch sehr informellen Diskussions­runden von Wiener Wissenschaftlern zu diversen wissenschafts­theoretischen Problem­stellungen teil. Erst 1924 werden diese Treffen durch die Gründung des „Wiener Kreises des Logischen Empirismus“ unter der Leitung von Moritz Schlick in eine formelle Form überführt.

Von 1907 bis 1914 ist Neurath im Brotberuf als Lehrer der Politischen Ökonomie an der Neuen Wiener Handelsakademie tätig. Im selben Jahr heiratet er seine aus Brody stammende Freundin Anna Schapire, Tochter aus begütertem Haus, die in Paris, Wien, Krakau, Berlin und Bern studiert hat und großen Einfluss auf Ottos Entwicklung nehmen wird. Anna ist, wie ihre ältere Schwester, die Kunsthistorikerin Rosa Schapire, bereits eine überzeugte Sozialistin, publiziert in angesehenen Zeitschriften der deutschen Sozialdemokratie und ist ihrem Mann „um Jahre voraus“. Als Anna nach der Geburt des Sohnes Paul im Jahr 1911 stirbt, ist Otto der Verzweiflung nahe. Ein halbes Jahr später heiratet er Olga Hahn, die Schwester des Mathematikers Hans Hahn, ebenfalls Mitglied des Wiener Kreises, die seit ihrem 22. Lebensjahr erblindet ist. Mit Ottos Hilfe promoviert Olga als dritte Frau an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien.

Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs unternimmt Neurath als Stipendiat der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden ausgedehnte Studienreisen in mehrere Balkanländer, um die ökonomischen und politischen Zusammen­hänge der Balkankriege zu untersuchen.

Von 1914 bis 1918 leistet Otto Neurath Kriegsdienst, ab 1916 in der Wirtschaftsabteilung des k.u.k. Kriegsministeriums. 1918 habilitiert er sich an Max Webers berühmtem Institut für Soziologie in Heidelberg. Im Revolutions­jahr 1919 leitet Neurath das Zentral­wirtschaftsamt der Münchner Räterepublik und unternimmt in dieser Funktion den Versuch, „eine geldlose Wirtschaft“ zu installieren. Gemeinsam mit ihrem Heidelberger Studienkollegen Ernst Toller schlägt Otto Neurath Käthe Leichter, die mittlerweile in der Österreichischen Sozialisierungs­kommission tätig ist, in einem Brief ein gemeinsames Vorgehen Österreichs und Bayerns in der Sozialisierung vor.

Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik wird Otto Neurath wegen „Beihilfe zum Hochverrat“ inhaftiert und hat das Glück, nach diplomatischer Intervention der österreichischen Regierung nach Österreich abgeschoben zu werden. Was ihn am meisten schmerzt, ist der Verlust seiner Lehrbefugnis in Heidelberg.

Ein „umtriebiger Universalist“

Im Roten Wien wird Otto Neurath zu einem der wichtigsten Köpfe der sozialdemokratischen Bildungs- und Gesellschaftspolitik. Nach Meinung seines Biographen Günther Sandner gehört Neurath zu den „striktesten Anti-Metaphysikern der österreichischen Arbeiterbewegung“, bei deren Funktionären – bei aller Wertschätzung – stets „eine gewisse Reserve“ dem „umtriebigen Universalisten“ gegenüber bestehen bleibt.


1920 übernimmt er das Amt des Generalsekretärs des von ihm gegründeten „Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen“, der sich für die Siedlungspolitik in Wien engagiert und die Siedler mit Direkthilfen und Informationen unterstützt. Im Zuge dessen initiiert er 1924 das „Museum für Siedlung und Städtebau“, das heutige Österreichische Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien als Dauerausstellung und arbeitet ab 1929 gemeinsam mit dem Grafiker Gerd Arntz an der Entwicklung der „Wiener Methode der Bildstatistik“. Neu daran ist, dass nicht mehr, wie bisher, große Objekte kleinen gegenübergestellt, sondern dass die Unterschiede durch die Anzahl gleichgroßer Objekte verdeutlicht werden.

Neuraths Mengenbilder und Kartogramme kommen bald in Zeitschriften, Ausstellungen und an zahlreichen internationalen Schauplätzen zum Einsatz, so auch beim Wohnungs- und Städtebaukongress 1928 in Paris, bei der Internationalen Ausstellung für Wohnungs- und Städtebau 1931 in Berlin und der Internationalen Hygiene-Ausstellung 1931 in Dresden. Auch Käthe Leichter verwendet die Grafiken zur Illustrierung ihrer 1932 erschienenen Studie „So leben wir“ – sehr zum Missfallen ihrer Rezensentin Oda Olberg, die 1933 in Der Kampf schreibt: Ob die zur Erläuterung beigegebenen Figuren des Wirtschaftsmuseums die Ergebnisse wirklich veranschaulichen, möchte ich bezweifeln. Die da aufmarschierenden verschieden gefärbten Gestalten sind auch nicht anschaulicher als das geschriebene Wort. Zur Wiedergabe von statistischen Mengenverhältnissen bleibt die Zahl das geeignete Symbol und erfordert nicht mehr Phantasie als die Hampelmännchen, deren Bedeutung man ja auch erst erschließen muß.

Seit 1927 wird die bildhafte Pädagogik auch an Wiener Schulen eingesetzt.


Im Rahmen seiner Bildungsarbeit hält Otto Neurath Vorträge an Volkshochschulen, publiziert populär­wissenschaftliche Bücher und Artikel in unzähligen Zeitungen und Zeitschriften, lehrt an der Arbeiterhochschule und sieht sich stets der „sozialen Aufklärung“ und der „Verbreitung von Erkenntnissen der exakten Wissenschaften“ für ein breiteres Publikum verpflichtet.

1932 gründen Neurath und seine Mitarbeiter das „Mundaneum Institut“ in Den Haag und die „International Foundation for Visual Education“; Neurath ahnt schon damals, dass es in Wien bald eng für ihn werden könne und er seine Arbeit in der Emigration fortsetzen müsse.

Ein umtriebig Vertriebener

Die Februarkämpfe von 1934 und das Verbot der Sozialdemokratie überraschen Neurath bei einem Aufenthalt in Moskau. Gemeinsam mit seinem Team emigriert er in die Niederlande und organisiert von dort aus die Bewegung der „International Unity of Science“.

Die gemeinsam mit dem kongenialen Grafiker Gerd Arntz perfektionierte Wiener Methode der Bildstatistik wird nun in „International System of Typographic Picture Education“ (Isotype) umbenannt. 1936 erscheint Neuraths Werk „International Picture Language“ in London. Von hier tritt die „Isotype-Bildsprache“ ihren Siegeszug in die USA und in die Welt an.

Nach der Invasion der Niederlande durch die Deutsche Wehrmacht im Jahr 1940 gelingt Neurath die Flucht nach Großbritannien, wo er als „enemy alien“ zunächst in einem Internierungslager landet. Durch Vermittlung britischer Kollegen und anderer Emigranten, darunter auch Albert Einstein, kommt er 1941 wieder auf freien Fuß und erhält sogar die Einladung, Vorlesungen über Logischen Empirismus und Sozialwissenschaften an der Universität in Oxford zu halten.

Nach Olga Neuraths Tod im Jahr 1937 heiratet Otto 1941 seine langjährige Mitarbeiterin Marie Reidemeister, die seine Arbeit bis in die 1970er Jahre fortführen wird.

Was bleibt

Otto Neurath gehört zu jenen vertriebenen österreichischen Wissenschaftlern, die im Ausland bekannter als in ihrer früheren Heimat sind. Aus der von ihm initiierten Bildstatistik entwickelt sich eine internationale Zeichen- und Symbolsprache, ohne der z.B. die Leitsysteme in U-Bahnen, Flughäfen, aber auch die Straßenverkehrszeichen nicht mehr denkbar sind.

Mit seiner Bildsprache geht es ihm allerdings nicht bloß um eine international verständliche und effektive öffentliche Kommunikation, sondern um die Möglichkeit des Wissenstransfers unter weitgehendem Verzicht auf die geschriebene Sprache mit ihren kulturell bedingten Übersetzungs­schwierigkeiten und Zweideutig­keiten, kurz um interkulturelle „Werkzeuge fürs Denken“.

Neurath selbst spricht auch von „Bilder-Esperanto“ und meint über dessen praktische Anwendung: „Der Passant auf der Straße sollte im Vorübergehen sich mit den neuesten sozialen und wirtschaftlichen Tatsachen vertraut machen können und seinen Blick auf solche Karten werfen wie auf die Wetterkarte, die ihn über seine Ausflugschancen unterrichtet.“

Von seinen Zeitgenossen wird Otto Neurath als „überlebensgroßer Mann mit einer vollendeten Glatze und einem gewaltigen roten Vollbart wildester Art, der Fäuste wie ein Matrose hatte“ beschrieben, als ein vielseitig Gelehrter mit „tieffundiertem Wissen“, „sprudelnder Vitalität“, „lebhaftem Witz“ und „sprengender Energie“, der in den unterschiedlichsten Fachgebieten publiziert und unermüdlich an der Umsetzung seiner Vorstellungen und Pläne festhält. Seine Briefe signiert Otto Neurath gerne selbstironisch mit der Zeichnung eines Elefanten.

1949 wird die Dr.-Otto-Neurath-Gasse im 22. Bezirk nach dem Gelehrten benannt. Seit Anfang 2024 erinnert auch eine Gedenktafel am Haydnhof in Meidling an Otto Neurath, der von 1930 bis zu seiner Flucht vor der politischen Verfolgung im Austrofaschismus 1934 hier gewohnt hatte.2013 eröffnet der österreichische Bundes­präsidenten Heinz Fischer den „Otto-Neurath-Gedenkraum“ mit dem Titel „Sprechende Zeichen“ im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien.

Von 6.11.2025 bis 5.4.2026 zeigt das Wien Museum die Sonderausstellung „Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“.

Links: Österreichisches Gesellschafts - und Wirtschaftsmuseum

Wien Museum: Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien

Werk: Antike Wirtschaftsgeschichte, 1909; Lesebuch der Volkswirtschaftslehre, 1910; Die Wirtschaftsordnung der Zukunft und die Wirtschaftswissenschaften, 1917; Wirtschaftsplan und Naturalrechnung. Von der sozialistischen Lebensordnung und vom kommenden Menschen, 1925; Lebensgestaltung und Klassenkampf, 1928; Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie, 1931; Gesellschaft und Wirtschaft, 1931; Bildstatistik nach Wiener Methode in der Schule, 1933; Modern Man in the Making, 1939; Foundations of the Social Sciences, 1944; Postum: From Hieroglyphics to Isotype, 1946; Encyclopedia and Unified Science, 1947; Gesammelte philosophische und methodologische Schriften, 1981; Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991.

Literatur: Marie Neurath und Robert S. Cohen, Otto Neurath: Empiricism and Sociology, 1973; Friedrich Stadler (Hrsg.), Arbeiterbildung in der Zwischenkriegszeit: Otto Neurath – Gerd Arntz, 1982; Horst-Christian Stöckler, Otto Neuraths Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum und die Wiener Bildstatistik 1925–1934, 1989; R. Haller und Robin Kinross (Hrsg.), Otto Neurath: Gesammelte bildpädagogische Schriften, 1991; Ursula Apitzsch (Hrsg.), Neurath – Gramsci – Williams, Theorien der Arbeiterkultur und ihre Wirkung, 1993; Nancy Cartwright, Otto Neurath: Philosophy between Science and Politics, 1996; Gloria Withalm (Hrsg.), Neurath. Zeichen, 1996; Birgit Ziegler, Rationale Lebensgestaltung. Architektur, Wiener Kreis und Bauhaus; mit besonderer Berücksichtigung von Otto Neurath und Hannes Meyer, 1998; Elisabeth Nemeth und Richard Heinrich (Hrsg.), Otto Neurath. Rationalität, Planung, Vielfalt, 1999; Thomas E. Uebel, Otto Neurath und der Wiener Kreis im Diskurs der Moderne, 1999; Frank Hartmann und Erwin K. Bauer, Bildersprache. Otto Neurath – Visualisierungen, 2002; Günther Sandner, Otto Neurath. Eine politische Biographie, 2014; Günther Sandner, Werner M. Schwarz, Susanne Winkler (Hrsg.), Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien, 2025.

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