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Aktuelle Seite: Tobias Seicherl – der „kleine Mann“ im „Kleinen Blatt“
0010 | 10. März 2021    Text: Lilli Bauer & Werner T. Bauer

Tobias Seicherl – der „kleine Mann“ im „Kleinen Blatt“

Vor 50 Jahren stirbt Ladislaus Kmoch, Seicherls Schöpfer und „Sklave“.

Der geborene Ottakringer Ladislaus Kmoch erlernt das Handwerk des Ledergalanteriewaren-Erzeugers und schlägt sich eine Zeit lang mit Gelegenheitsarbeiten durch. Aber Zeichnen kann er, das fällt schon früh auf.

Und so zeichnet er ab 1920 unter dem Namen Ludwig Kmoch für verschiedene Satireblätter, etwa für den renommierten und in München erscheinenden Simplicissimus, für dessen österreichisches Pendant Die Muskete und ab 1928 auch für die lustige Streitschrift gegen Alle, Der Götz von Berlichingen.
 

Das sozialdemokratische Kleinformat

1930 heuert Kmoch bei der Boulevardzeitung Das Kleine Blatt an. Dieses „volkstümliche“ Kleinformat erscheint seit März 1927 und soll, als Ergänzung zur anspruchsvollen Arbeiter-Zeitung, der Sozialdemokratie neue Leserschichten erschließen.

Das Kleine Blattist eine sozialdemokratische, jedoch keine Parteizeitung; innerhalb kurzer Zeit erreicht sie über eine halbe Million Leserinnen und Leser.
Im feuilletonistisch-chronikalen Teil finden sich Erzählungen aus dem In- und Ausland, Artikel über die Leistungen des Roten Wien wie „Der Riesenbau auf der Hagenwiese“ oder „Kindergärten für alle Kleinkinder Wiens!“, aber auch satirische Beiträge wie die „Äußerungen des Gemeinderates Nepomuk Nörgerl“, eines typischen Vertreters der Christlichsozialen, oder der sympathische Lausbub „Hansi Surminger“.

Anlässlich des Nationalratswahlkampfes entwickelt Kmoch für Das Kleine Blatt die Figur des Tobias Seicherl.
Dieser erste kontinental-europäische „Daily strip“ erscheint ab dem 5. Oktober 1930 bereits mit Sprechblasen, eher ungewöhnlich für den deutschsprachigen Raum.
 

Seicherl, das kleine Sieb, im Wienerischen mit der Bedeutung „Feigling“ oder „Schwächling“, ist der Prototyp des rabiaten, antimarxistischen und zutiefst opportunistischen Spießbürgers, dem aber auch gar nichts gelingen will.

Zunächst sympathisiert er mit der Heimwehrbewegung, später wechselt er ins Lager der Nationalsozialisten.

Seicherls treuer Begleiter ist der Hund Struppi – gleichsam die mit einer guten Portion Hausverstand ausgestattete „Stimme der Vernunft“ –, der den Ausgang jedes Abenteuers mit der „Moral der Geschichte“ kommentiert.

Der Onkel des Herrn Karl

Seicherl ist bald so populär, dass er regelmäßig als Figur auf Maskenbällen, Redouten und Faschingskränzchen, im schneereichen Winter 1930/31 sogar als Schneemann auftaucht.

Er könnte, wenn schon nicht der Vater, so doch der Onkel des freilich gewichtigeren Herrn Karl sein; eine gewisse Familienähnlichkeit ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.Jörg Mauthe

Mit der Einführung der Vorzensur im Jahr 1933 werden Seicherls Abenteuer „harmloser“ – aber auch hintergründiger. Im Februar 1934 ist dann aber Schluss. Vorerst.

Nach zweiwöchiger Unterbrechung infolge der Februarkämpfe und des Verbots der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei erscheint Das Kleine Blatt am 28. Februar erstmals wieder – mit fortlaufender Nummerierung und neuer Redaktion.

Auch Tobias Seicherl ist in einer harmlos-unpolitischen Version wieder mit von der Partie, und das sogar über den „Anschluss“ hinaus, bis kurz vor Kriegsausbruch im Sommer 1939.

Wir alle sind schon wieder da!

Ich war Seicherls Sklave, dem Seicherl sein Kettenhund

Dann wird auch Seicherls Schöpfer Ladislaus Kmoch als Kartenzeichner eingezogen. Gegen Kriegsende gerät Kmoch in britische Gefangenschaft, arbeitet anschließend in der Porzellanmanufaktur Augarten und lässt Ende der 1950er Jahre Tobias Seicherl in verschiedenen Wiener Zeitungen noch einmal auferstehen.

Nach seiner Pensionierung im Jahr 1961 widmet sich Kmoch als Kustos im Korneuburger Heimatmuseum seiner eigentlichen Leidenschaft, der Ur- und Frühgeschichte. In seinem Wohnort Bisamberg stirbt er am 10. März 1971 im Alter von 74 Jahren. Seine lebenslange Beziehung zu Tobias Seicherl hatte er so beschrieben:

Ich war Seicherls Sklave, einfach dem Seicherl sein Kettenhund. Niemand kann sich vorstellen, wie sehr mich dieser Seicherl ausgesaugt hatte. Praktisch ist er mir schon in meinen Träumen erschienen.

Literatur
Alexander Potyka, Das Kleine Blatt. Die Tageszeitung des Roten Wien, Wien 1989, mit einem Vorwort von Bruno Kreisky.
Brigitte Robach, Julius Braunthal als politischer Publizist. Ein Leben im Dienste des Sozialismus, Wien 1983.
Tobias Seicherls Weltreise, Wien 1962, mit einem Vorwort von Jörg Mauthe.

PRESSE UND PROLETARIAT

Sozialdemokratische Zeitungen im Roten Wien

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