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Aktuelle Seite: Unser Seitz
0178 | 3. FEBRUAR 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Unser Seitz


Am 3. Februar 1950 stirbt Karl Seitz – Reichstagsabgeordneter, Staats­ober­haupt und legendärer Bürgermeister des Roten Wien.

Karl Seitz wird am 4. September 1869 in Wien in eine kinderreiche Familie geboren. Sein Vater, ein Brennholzhändler, stirbt früh. Um die Familie durchzubringen, muss die Mutter die beiden jüngsten Kinder Karl und Josef im städtischen Waisenhaus in der Galileigasse 8, heute Sitz der Volkshochschule Alsergrund, unterbringen. Der junge Karl fällt durch seine Begabung auf und erhält schließlich einen Freiplatz im Lehrerseminar in St. Pölten, wo er seine Ausbildung 1888 abschließt.

Bereits im Jahr darauf gründet Karl Seitz eine erste sozialdemokratische Lehrerorganisation und wird 1895 Herausgeber der  sozialdemokratischen „Freien Lehrerstimme“. 1897 wird er zum Obmann des neu gegründeten Zentralvereins der Wiener Lehrerschaft gewählt – und schließlich aufgrund seines politischen Engagements aus dem Dienst entlassen.

Vom geschassten Lehrer zum Staatsoberhaupt

Seitz ist in der Bildungsarbeit der SDAP tätig und erlangt als hervor­ragender Redner rasch große Popularität. Er schließt sich der radikaldemokratischen Lehrervereinigung „Klub der Jungen“ an und erarbeitet mit anderen das erste sozialdemokratische Bildungsprogramm.

Im Jahr 1900 heiratet er die Lehrerin Emilie Heindl. Im Jahr darauf wird Karl Seitz im damals niederösterreichischen Wahlkreis Floridsdorf als erster sozialdemokratischer Abgeordneter der vierten Kurie in das Abgeordnetenhaus des Reichsrates gewählt, 1902 auch in den nieder­österreichischen Landtag. Als Führer der sozial­demokratischen Fraktion im Reichsrat avanciert er bald zum engsten parlamen­ta­rischen Mitarbeiter Victor Adlers.

1915 tritt Karl Seitz als erster führender Sozialdemokrat, zuerst in einem Artikel in der theoretischen Zeitschrift Der Kampf, dann auch in öffentlichen Versammlungen, offen gegen den Krieg auf.

Nach dem Ende der Monarchie fungiert Seitz als einer von drei Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung, ab 1919 als Präsident der Konstituierenden Nationalversammlung und damit bis zur Wahl des ersten Bundespräsidenten im November 1920, auch als erstes Staatsoberhaupt. 1920 zieht er in den Nationalrat ein und wird Nachfolger Victor Adlers als Parteivorsitzender.

Plötzlich Bürgermeister

Doch es zieht ihn in die Kommunalpolitik. 1923 kandidiert Seitz wiederum in Floridsdorf, wird Abgeordneter zum Wiener Landtag und Gemeinderat und bereits im November des Jahres als Nachfolger des aus Gesundheitsgründen zurückgetretenen Jakob Reumann zum Wiener Bürger­meister gewählt.

In dieser Funktion ist Karl Seitz für die Umsetzung des Moderni­sie­rungs­- und Aufbauprogramms des Roten Wien verantwortlich. Mithilfe der von Finanzstadtrat Hugo Breitner ersonnenen Steuern treibt er den sozialen Wohnbau voran. In den Jahren 1926 und 1927 – dem Höhepunkt der kommunalen Wohnbautätigkeit – gehört die feierliche Eröffnung der neuerrichteten Bauten zur regelmäßigen „Sonntagsarbeit“ des Bürgermeisters.

Die Zukunft unseres Volkes braucht neue Menschen, Menschen, die in Licht und Luft und Sonne aufwachsen, Menschen, die arbeitend lernen und lernend arbeiten. Karl Seitz, 1930

Gleichzeitig stellen Stadtrat Julius Tandler und Stadtschulratspräsident Otto Glöckel sowohl die Gesundheits- und Fürsorgepolitik als auch das kommu­nale Schul­wesen auf vollkommen neue Beine. Ein versuchtes Schussattentat im Jahr 1927 übersteht Karl Seitz unbeschadet.

Des Bürgermeisters letzte „Sonntagsarbeit“

Mit der sogenannten Selbstausschaltung des Parlaments im März 1933 gerät die Sozialdemokratie in die Defensive. Die letzte große Feier des Roten Wien ist die Eröffnung von „Wiens größtem Wohnhausbau“, dem bis heute unbenannt geblie­benen Hof am Friedrich-Engels-Platz am 16. Juli 1933. Geradezu beschwörend nimmt Karl Seitz in seiner Eröffnungsrede Bezug auf den „historischen Boden“ des Baugrundes und die „vielen Blutzeugen des Jahres 1848“, die „im Kampf um die Freiheit an dieser Stelle unter den Kugeln der Reaktion“ ihr Leben lassen mussten. Wir leben heute wieder in Tagen der Bedrohung, aber wir beugen uns nicht!

Die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung, die nur noch unter strenger Vorzensur erscheinen darf, berichtet von dieser letzten Eröffnung: Da die roten Fahnen verboten sind, nahmen rote Lampions ihre Stelle ein. Quer über die Häuserwände waren Transparente mit Aufschriften „Hoch die Republik!“ – „Hoch das rote Wien!“ – „Hoch der Mieterschutz!“ angebracht.

„Der tapfere Seitz“

Mit dem Ausbruch der Februarkämpfe 1934 wird Bürgermeister Karl Seitz noch am 12. Februar in seinen Amtsräumen verhaftet und bleibt ohne Anklageerhebung bis Dezember inhaftiert.

Er saß im Rathaus und verließ seinen Posten nicht…„illegale“ Arbeiter-Zeitung, 25.2.1934

Nach seiner Haftentlassung steht er unter polizeilicher Überwachung und hält nur losen Kontakt zu den Genossen im Widerstand. Karl Seitz weigert sich jedoch, Österreich zu verlassen – sein stiller Protest beschränkt sich nun auf demonstrative Spazier­gänge, um im öffentlichen Raum sichtbar präsent zu bleiben.

Der sogenannte Anschluss bringt Karl Seitz 1938 wieder kurz in Haft. Als nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 Unterlagen gefunden werden, die auch Seitz belasten, wird er neuerlich inhaftiert und anschließend im Konzentrationslager Ravensbrück interniert. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird er entlassen und in die thüringische Kleinstadt Plaue verbannt.

Schwer krank und völlig entkräftet kehrt Karl Seitz 1945 nach Wien zurück, wo ihm ein triumphaler Empfang am Rathausplatz bereitet wird. Seitz, der seit 1943 verwitwet ist, heiratet 1945 Emma Seidel, eine Tochter der Frauenrechtlerin und Nationalratsabgeordneten Amalie Seidel. Körperlich angegriffen, legt er den Parteivorsitz, den er als letzter SDAP-Vorsitzender formell immer noch innehat, zugunsten Adolf Schärfs nieder.


Karl Seitz stirbt am 3. Februar 1950 im 81. Lebensjahr an Herzversagen und wird auf dem Wiener Zentralfriedhof an der Seite von Victor Adler und Otto Bauer beigesetzt.

1951 wird die „Gartenstadt“ in Jedlesee Karl-Seitz-Hof benannt. Am zentralen Platz der Anlage, der seit 1998 ebenfalls seinen Namen trägt, steht eine von Gustinus Ambrosi gestaltete Büste von Karl Seitz.

Werk: Herr Dr. Lueger in der Klemme, 1901; Volksschule oder Pfaffenschule?, 1902; Arbeiter oder Soldaten?, 1917; Die Schmach von Genf und die Republik, 1922.

Literatur: Harald Gröller, Karl Seitz, 2003; Wolfgang Maderthaner, Karl Seitz, 2000; Rudolf Spitzer, Karl Seitz. Waisenknabe – Staatspräsident – Bürgermeister von Wien, 1994; Alexander Spritzendorfer, Karl Seitz. Bürgermeister des Roten Wien, 2023; Anton Tesarek (Hrsg.): Unser Seitz. Zu seinem achtzigsten Geburtstag. Beitrag zu einer Biographie, 1949.

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