
Die mit 30. Mai 1940 datierte Sterbeurkunde vermerkt lapidar: Der Altersrentner Viktor Stein, mosaisch, wohnhaft in Wien, Blechturmgasse 7, ist am 28. April 1940 um 18 Uhr 15 Minuten in Oranienburg im Lager Sachsenhausen verstorben.
Der 1876 im böhmenischen Příbram geborene Viktor Stein studiert Philologie und Philosophie und kommt Anfang der 1890er Jahre nach Wien, wo er sich im sozialdemokratischen Wahlverein Margareten engagiert. Hier lernt er auch Parteigründer Victor Adler kennen, dessen Reden vor böhmischen Industriearbeitern er oft ins Tschechische übersetzt.
Während der internen Konflikte um die Selbständigkeit der tschechoslowakischen Arbeiterbewegung, die ab 1910 auch in Wien zu heftigen Auseinandersetzungen führen, ist Stein einer der Wortführer jenes Flügels der tschechischen Gewerkschaften, der die multinationale Einheit der österreichischen Gewerkschaftsbewegung um jeden Preis aufrechterhalten will. Er gerät damit in Opposition zum allseits verehrten Adler, der für eine „flexible Haltung“ gegenüber dem tschechischen „Separatismus“ eintritt. Stein kann die Spaltung nicht verhindern – eine persönliche Niederlage und ein schwerer Rückschlag für die österreichische Arbeiterbewegung.

© Bezirksmuseum Margareten
Während des Krieges arbeitet Stein für die Metallarbeitergewerkschaft und übernimmt die Redaktion der Branchenblätter „Der Metallarbeiter“ und „Der Industrieangestellte“ sowie, seit deren Gründung im Jahr 1923, auch der Zeitschrift der Gewerkschaften und der Arbeiterkammer „Arbeit und Wirtschaft“. Der Vielseitige ist nicht nur ein begabter Schreiber sondern auch ein beliebter Redner und Pädagoge und tritt häufig als Vortragender bei Bildungsveranstaltungen und als Lehrer an der Arbeiterhochschule in Erscheinung.
Ab 1923 ist Viktor Stein mit kurzer Unterbrechung bis 1930 Abgeordneter zum Wiener Landtag und Mitglied des Gemeinderates, von 1926 bis 1927 sowie erneut von 1930 bis 1934 auch Abgeordneter zum Nationalrat. Hier sind ihm v.a. sozialpolitische und arbeitsrechtliche Themen ein Anliegen.
Im Februar 1934 wird Viktor Stein verhaftet und verbringt mehrere Monate in Haft. 1938 wird Stein bei einem Treffen ehemaliger Gewerkschafts- und Parteifunktionäre in einem Kaffeehaus verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Nach fünzehnmonatiger Haft wird Stein im Dezember 1939 zwar freigesprochen, beim Verlassen des Gerichts jedoch von der Gestapo erneut verhaftetund zunächst ins Konzentrationslager Buchenwald, dann nach Sachsenhausen verschleppt.
In der Arbeiter-Zeitung vom 12. Juli 1946 erscheint anlässlich seines 70. Geburtstages ein kurzer Nekrolog – einer aus der großen Schar der hevorragenden Männer, die die österreichische Arbeiterbewegung als Opfer zweier Faschismen beklagt, deren Andenken sie stolz und dankbar ehrt.
Werk: Der Arbeit zur Wehr und Ehr'. Kurze Geschichte des „Österreichischen Metallarbeiterverbandes“, 1924.