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Am 7. April 1875 stirbt der deutsche Freiheitsdichter Georg Herwegh im baden-württembergischen Lichtental, heute ein Stadtteil von Baden-Baden.
Herweghs Leichnam wird auf eigenen Wunsch nach Liestal in der Nähe der Schweizer Stadt Basel überführt, um „in freier republikanischer Erde“ begraben zu sein.
Von den Mächtigen verfolgt,
Von den Knechten gehaßt,
Von den meisten verkannt,
Von den Seinen geliebt.
Grabinschrift in Liestal
Der heute fast in Vergessenheit geratene Georg Herwegh ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath einer der populärsten politischen Dichter deutscher Sprache.
1817 in Stuttgart geboren, ist dem Sohn eines Gastwirts eigentlich eine Pfarrerslaufbahn zugedacht. Allerdings wird Herwegh bereits im zweiten Studienjahr wegen Schulden und Streitereien des Tübinger Stifts, einer Ausbildungsstätte für die geistliche und geistige Elite des lutherischen Glaubens, verwiesen.
Georg Herwegh, der seit 1835 Mitglied der Burschenschaft „Vereinigung der Patrioten Tübingen“ ist, betätigt sich als freier Schriftsteller für diverse fortschrittliche Blätter. Nicht nur seine politischen Ansichten bringen den notorischen Hitzkopf immer wieder in Schwierigkeiten. Nachdem er einen Offizier beleidigt hatte, flieht Herwegh 1839 in die Schweiz, um der militärischen Zwangsrekrutierung zu entgehen.

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In Zürich ist Herwegh erneut für oppositionelle Zeitschriften tätig. 1841 veröffentlicht er den ersten Teil seiner „Gedichte eines Lebendigen“, in denen er zum Kampf für politische und gesellschaftliche Veränderungen aufruft und damit das Lebensgefühl einer ganzen Generation trifft. Das „Wiegenlied“ etwa schließt mit dem ironisch-resignierenden Satz Mein Deutschland, mein Dornröschen, Schlafe, was willst du mehr?und in dem Gedicht „O Freiheit, Freiheit!“ heißt es: Nicht stolze Tempel wollen dir gebühren, / Drin wir als Opfer unsern Stolz dir bieten – / Wärst du die Freiheit, wenn wir vor dir knieten? Obwohl das Werk in mehreren deutschen Staaten verboten ist, verkauft es sich gut und verhilft seinem Autor zu landesweiter Bekanntheit. Einige der Gedichte werden auch von Franz Liszt vertont.
Auf einer Reise nach Paris trifft Georg Herwegh mit Heinrich Heine zusammen, zurück in Zürich arbeitet er für die von Karl Marx redigierte „Rheinische Zeitung“ und freundet sich mit dem Philosophen und Religionskritiker Ludwig Feuerbach an.
Mit der liberalen Bourgeoisie werden wir nie siegen, wir müssen die Sympathie der Massen suchen, sonst geht es nicht …(Brief an seine Braut, 28.11.1842).
Nach einer Audienz beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV. wird Herwegh, der sich in einem offenen Brief über die politischen Verhältnisse in Deutschland beschwert hatte, des Landes verwiesen.
Zurück in Zürich heiratet Georg Herwegh 1843 Emma Siegmund, die freiheitsliebende Tochter eines Berliner Bankiers, die sich bereits als Jugendliche für die französische Julirevolution von 1830 und die polnische Freiheitsbewegung begeistert. Ihr Biograph Michail Krausnick berichtet: „Sie hat geritten, sie hat geturnt, sie rauchte Zigarren, und sie schoss. Und am liebsten stellte sie sich vor, dass der Zar Nikolaus auf der Schießscheibe war.“
Oft kommt’s mir vor, als glaubten die Männer, wir wären nur zum Vergnügen in der Welt, zum Spaß für sie, und das ist der Punkt, der mich rasend machen könnte. Emma Herwegh, 1841.
Emma hatte Herwegh nach der Lektüre der „Gedichte eines Lebendigen“ kontaktiert und war ihm nach seiner Ausweisung nachgereist. Das Paar zieht nach Paris, wo die beiden mit Karl und Jenny Marx sowie mit Victor Hugo und George Sand verkehren. Im selben Jahr erscheint der zweite Teil der „Gedichte eines Lebendigen“.

Karikatur auf die republikanischen Bestrebungen Georg Herweghs, 1848 © Wien Museum Inv.-Nr. 20446/24
Nach der Pariser Februarrevolution von 1848 wird Georg Herwegh Präsident der „Deutschen Democratischen Gesellschaft“ in Paris und der „Deutschen Demokratischen Legion“, einer aus Exilanten unterschiedlichster Herkunft gebildeten Freiwilligeneinheit. Mit dieser kleinen und nur unzureichend bewaffneten Schar eilt Herwegh im April 1848 den radikaldemokratischen Aufständischen in Baden zu Hilfe. Die Aktion endet im Fiasko. Die Demokratische Legion wird von württembergischen Truppen gestellt und besiegt, die badischen Freischaren waren bereits Tage zuvor aufgerieben worden. Georg und Emma Herwegh entkommen – und wieder endet ihre Flucht in der Schweiz.
Wir haben lang genug geliebt / Und wollen endlich hassen.
Herweghs Einsatz für die Revolution ist gescheitert. Dennoch wird sein Domizil in der Schweiz erneut zum Treffpunkt von Künstlern und revolutionär Gesinnten – Richard Wagner, Gottfried Semper oder Franz Liszt. Georg Herwegh, der nun für die liberale Schweizer Presse arbeitet, wird 1863 zum Schweizer Bevollmächtigten von Ferdinand Lassalles neu gegründetem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV). Und er verfasst eine Hymne auf das revolutionäre Proletariat: Das Bundeslied. Berühmt und sprichwörtlich wird die drittletzte der insgesamt zwölf Strophen:

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still.
Wenn dein starker Arm es will.
Vom staatsfreundlichen Reformismus des ADAV distanziert sich Georg Herwegh allerdings rasch. Nach Lassalles Tod 1864 tritt er aus dem ADAV aus. Zwei Jahre später kehrt Herwegh als Mitstreiter der Ersten Internationale nach Deutschland zurück und schließt sich der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten marxistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) an, die sich 1875 mit dem ADAV vereinigen wird. Herwegh ist nun ständiger Mitarbeiter des sozialdemokratischen Blatts „Der Volksstaat“ und veröffentlicht hier seine politischen Gedichte, in denen er den preußischen Militarismus anprangert und den im Gefolge des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 aufkommenden Nationalismus scharf kritisiert.
In seinen letzten Lebensjahren fristet Georg Herwegh ein karges Dasein in Baden-Baden. Er übersetzt Shakespeare, die eigenen Gedichte haben an Kraft verloren. Seinen Wunsch, nicht auf dem Boden des Deutschen Reiches begraben zu werden, erfüllt ihm seine Witwe Emma, die ihn um 29 Jahre überlebt.

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Die in den Jahren 1926/27 nach Plänen der Otto-Wagner-Schüler Heinrich Schmid und Hermann Aichinger errichtete Wohnhausanlage am Margaretengürtel ist nach dem deutschen Freiheitsdichter benannt.
Der Herweghhof bildet mit den benachbarten und zeitgleich errichteten Bauten Julius-Popp-Hof und Matteottihof einen markanten Stadtteil an der „Ringstraße des Proletariats“ – jenem Gürtelabschnitt, dem der Waschsalon Karl-Marx-Hof 2015 die Sonderausstellung „Die Ringstraße des Proletariats“ gewidmet hat.
Werk: Gedichte eines Lebendigen, 1842; Literatur und Politik, Hrsg. von Katharina Mommsen, 1969; „Freiheit überall, um jeden Preis!“, Georg Herwegh 1817-1875, bearbeitet von Heidemarie Vahl und Ingo Fellrath, 1992.
Literatur: Wolfgang Büttner, Georg Herwegh, ein Sänger des Proletariats, 1976; Ulrich Enzensberger, Herwegh – ein Heldenleben, 1999; Sylvia Peuckert, Freiheitsträume, Georg Herwegh und die Herweghianer, 1985; Hans und Rudolf Hautmann, Die Gemeindebauten des Roten Wien 1919-1934, 1980; Inge Podbrecky, Rotes Wien, 2003; Helmut Weihsmann, Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919-1934, 1985/2002; Walter Zednicek, Architektur des Roten Wien, 2009.