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Das Dreigestirn des „sozialdemokratischen Jahrzehnts“: Willy Brandt, Olof Palme und Bruno Kreisky
Am Abend des 28. Februar 1986 wird der schwedische Ministerpräsident Olof Palme in der Innenstadt von Stockholm ermordet. Die Tat bleibt lange Zeit unaufgeklärt und verändert die liberale schwedische Gesellschaft nachhaltig.
Wir wollen heute eines Mannes gedenken, der prima vista nichts mit dem Roten Wien zu tun hat. Oder vielleicht doch? So wie sein Freund und langjähriger Weggefährte Bruno Kreisky, der bereits als junger Mann im Roten Wien aktiv war und nach seiner Emigration in Schweden lebte, kommt auch Olof Palme aus großbürgerlichen, teilweise sogar adeligen Verhältnissen. Anders als Kreisky, aber vergleichbar mit vielen anderen, aus dem Großbürgertum stammenden Persönlichkeiten des Roten Wien, hat Palme sich erst spät politisiert. Dann aber gründlich!
So kam ich in sehr engen Kontakt mit einer sozialen Wirklichkeit, die ich als völlig unnötig empfand. In einem solchen reichen Land gab es überhaupt keinen Grund, daß Menschen so leben sollten.
Der 1927 in Stockholm geborene Olof Palme entstammt einer kosmopolitischen Familie mit Verbindungen nach Finnland, Lettland, Deutschland und den Niederlanden. Nach dem Besuch mehrerer Privat- und Eliteschulen beginnt er als Volontär für das renommierte „Svenska Dagbladet“ zu arbeiten. Ein Stipendium der American-Scandinavian Foundation führt ihn in die USA, wo er 1947 einen Bachelor of Arts erwirbt und anschließend kreuz und quer durch die Staaten trampt. Die herrschende soziale Ungleichheit macht einen bleibenden Eindruck auf den jungen Palme.

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Zurück in Schweden beginnt Palme ein Studium der Rechtswissenschaften und tritt der Sozialdemokratischen Studentenorganisation bei. Über den Vorsitz der Schwedischen Hochschülerschaft führt sein Weg in die Politik.
1953 wird Olof Palme Sekretär und bald auch wichtigster Mitarbeiter des schwedischen Ministerpräsidenten Tage Erlander. Seine Pläne zur Modernisierung der konservativen schwedischen Gesellschaft bringt er im Parlament und später auch in der Regierung ein. 1963 wird Palme Minister ohne Portefeuille, 1965 Verkehrs-, 1967 Bildungsminister. 1969, nach dem Rücktritt Erlanders, übernimmt Olof Palme den Vorsitz der schwedischen Sozialdemokraten und wird Erlanders Nachfolger als Ministerpräsident.
Palmes Reformeifer ist groß, v.a. in der Familien- und Gesellschaftspolitik, wo Schweden zum Vorreiter in Fragen der Gleichstellung im Berufsleben, der Kinderbetreuung und der Modernisierung des Bildungswesens wird. Auch Mitbestimmung und die „Durchflutung der Gesellschaft mit Demokratie“ gehören zu seinen nicht immer unumstrittenen Maßnahmen.
Als abgehobenen überheblichen Machtmenschen wollten ihn seine Gegner abstempeln, aber wir sahen ihn durch die Stadt laufen in seinem knittrigen Regenmantel. Er sah aus wie ein ungemachtes Bett und er wollte sich nie nach vorn drängen oder sich im Glanz der Popularität sonnen.Marita Ulfskrug, Generalsekretärin der Schwdischen Sozialdemokraten
International wird Olof Palme durch seine scharfe Kritik am Vietnamkrieg, durch seine Abrüstungsinitiativen und sein engagiertes Eintreten für die Belange der „Dritten Welt“ bald zu einer anerkannten politischen Größe. Gemeinsam mit dem deutschen Kanzler Willy Brandt und dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky bildet er das Dreigestirn des „sozialdemokratischen Jahrzehnts“ der 1970er-Jahre und unterstützt ehemalige Diktaturen wie Spanien, Portugal und Griechenland auf ihrem Weg zu stabilen demokratischen Verhältnissen.
Bei der Reichstagswahl 1976 werden die Sozialdemokraten abgewählt. Die bürgerlichen Parteien regieren das Land für zwei Legislaturperioden, bis Olof Palme 1982 an die Macht zurückkehrt.
Frieden war sein wichtigstes Anliegen, weil er den Krieg als die größte Bedrohung der Menschheit ansah. Ingvar Carlsson, Freund und Nachfolger, beim Begräbnis
Das Attentat auf Olof Palme erfolgt, als dieser gemeinsam mit seiner Frau, der Psychologin Lisbeth Beck-Friis, nach einem Kinobesuch auf dem Heimweg ist. Den ermittelnden Behörden unterlaufen zahlreiche Fehler und Unterlassungen. Gleichzeitig gerät die kurdische Arbeiterpartei PKK, zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird, ins Visier der Behörden.
Fast zwei Jahre nach Olof Palmes Tod konzentrieren sich die Ermittlungen auf den Alkohol- und Drogenabhängigen Christer Pettersson. 1989 wird dieser für schuldig befunden und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, später allerdings wieder freigesprochen. Er verstirbt im Jahr 2004. Neu aufgenommene Ermittlungen kommen 2017 zu dem Ergebnis, dass der Grafikdesigner Stig Engström, der nach dem Attentat als Zeuge aufgetreten war, der wahrscheinliche Täter gewesen ist. Nachgewiesen kann ihm die Tat allerdings nicht werden, da Engström bereits im Jahr 2000 verstorben ist.
In Wien wird die in den Jahren 1972-1977 errichtete Wohnhausanlage in Favoriten, Ada-Christengasse 2, 1987 durch Bürgermeister Helmut Zilk in Olof-Palme-Hof benannt.
Literatur: Henrik Berggren, Olof Palme. Vor uns liegen wunderbare Tage. Die Biographie, München 2011; Jochen Preussler, Olof Palme ermordet. Report aus Stockholm, Berlin 1990.