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Aktuelle Seite: „Wir flaggen! Wir schmücken die Fenster!“
0187 | 1. MAI 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Wir flaggen! Wir schmücken die Fenster!“

Zum Festtag des Proletariats

Zu Beginn mangelt es der jungen, zum Jahreswechsel 1888/89 gegründeten Sozialdemokratie noch an eigenen Feiern und Ritualen. Der Festtagskalender ist geprägt von kirchlichen und staatlichen Feiertagen.Am 1. Mai 1890 wird schließlich der erste 1. Mai feierlich begangen.

Am 14. Juli 1889 – man feiert den 100. Jahrestag des Sturms auf die Bastille – findet in Paris die Gründung der Zweiten Internationale als Zusammenschluss aller sozialdemokratischen Parteien statt, 400 Delegierte aus 21 europäischen Ländern sowie den USA nehmen daran teil.

Auf Antrag der Vertreter Frankreichs beschließt der Kongress, den 1. Mai – im Gedenken an einen Generalstreik in Chicago am 1. Mai 1886, der wenige Tage später im „Haymarket Massacre“ blutig niedergeschlagen wurde – zum internationalen Kampftag für den Achtstundentag zu erklären. Der Festtag des Proletariats ist geboren.

Bereits im darauffolgenden Jahr wird der 1. Mai von den Sozial­demokraten in Wien und anderen Städten feierlich begangen. Der „milde“ Kaiser Franz Josef war einerseits für die Anwendung von Gewalt, andererseits für ein schwaches Entgegenkommen in den Dingen, die nicht mehr zu verhindern waren, erinnert sich Ludwig Bretschneider 1928 an die Stimmung jener Tage.

Der Gründervater fehlt

Parteigründer Victor Adler selbst verbringt diesen Tag in der Zelle 32 des Wiener Landesgerichts. Er war am 27. Juni 1889 wegen seines Artikels über den Streik der Wiener Tramwaykutscher – in der Anklage ist von „anarchistischer Bestrebungen“ die Rede – zu vier Monaten Haft verurteilt worden. Die Strafe muss Adler ausgerechnet im März 1890 antreten – ein Versuch der Behörden, die geplante Maikundgebung zu sabotieren.

In seiner Eigenschaft als Administrator der Arbeiter-Zeitung darf Ludwig Bretschneider Adler zweimal in der Woche im Zimmer des Gefängnisdirektors besuchen. Dort holt er sich Anweisungen zur Vorbereitung der ersten Maifeier.

Die konservative Presse verbreitet bereits vorab Panik unter der Bevölkerung. Sie jagte den Spiessern eine heillose Angst vor dem 1. Mai ein und wusste den Glauben wachzurufen, als ob an diesem Tage Mordbrennerbanden die Strassen durchziehen werden, die das geheiligte Eigentum zerstören, so Jakob Reumann. Die „Neue Freie Presse“ legt in ihrem Leitartikel vom 1. Mai 1890 noch nach: Die Soldaten sind in Bereitschaft, die Tore der Häuser werden geschlossen, in den Wohnungen wird Proviant vorbereitet wie vor einer Belagerung, die Geschäfte sind verödet, Frauen und Kinder wagen sich nicht auf die Gasse. 

Überall massenhafter Besuch, dabei aber stramme Disziplin unserer Genossen.Ludwig Bretschneder, 1928

Ordnung am Trottoir

Doch die Arbeiter marschieren in Ruhe und äußerst diszipliniert. Die Partei stellt selbst an die tausend Ordner, um einen ruhigen Verlauf der Aufmärsche zu gewährleisten. Rudolf Pokorny, Mitherausgeber der Arbeiter-Zeitung, und Jakob Reumann, erster Sekretär der Partei, hatten als Unterhändler bei der Polizeidirektion versprechen müssen, dass es keine geschlossenen Züge geben werde, nicht die Straße, sondern nur das Trottoir benützt und auf Fahnen und Musik verzichtet werde.

Dennoch: Die Eroberung des öffentlichen Raumes hat große symbolische Bedeutung, wie die Zeitung Die Unzufriedene 1927 bemerkt: Bis zur ersten Maifeier in Wien, bis zum Jahre 1890, war die Ringstraße die Straße der Herren. Erst an dem ersten 1. Mai wurden die Arbeiter die Herren der Straße.

Vormittags gibt es in Wien an diesem 1. Mai etwa 60 verschiedene Versammlungen. Jakob Reumann erinnert sich später: Als ich gegen 9 Uhr morgens auf die Strasse trat, als ich festlich gekleidete Arbeiter, versehen mit dem Maizeichen, allwärts ihren Versammlungen zueilen, in allen Gesichtern die Freude und den Stolz leuchten sah, dass sie an dieser bedeutungsvollen Kundgebung teilnehmen können, da wusste ich: die Maifeier war gelungen.

Der Prater hat Tradition

Am Nachmittag ziehen über 100.000 Arbeiter in den Prater – die größte Kundgebung, die Wien bis dahin gesehen hat. Es war nicht leicht, die Praterwirte davon zu überzeugen, ihre Lokale für die Versammlungen zur Verfügung zu stellen. Erst nachdem der Wirt des „Eisvogels“ zusagt, trauen sich auch andere. Schließlich finden in 34 Lokalitäten des Praters Zusammenkünfte statt.

Die erste Maifeier wird ein voller Erfolg. In der Arbeiter-Zeitung vom 23. Mai 1890 – das Zentralorgan erscheint damals nur wöchentlich – schreibt Friedrich Engels: Feind und Freund sind einig darüber, daß auf dem ganzen Festland Österreich, und in Österreich Wien, den Festtag des Proletariats am glänzendsten und würdigsten begangen, und die österreichische, voran die Wiener Arbeiter­schaft sich damit eine ganz andere Stellung in der Bewegung erobert hat.

Nach dem Ende der Monarchie wird der 1. Mai schließlich zum staatlichen und gesetzlichen Feiertag.

Der 1. Mai im Roten Wien

Bis zum Jahr 1921 werden die Maifeiern dezentral in den Bezirken gefeiert, erst ab 1922 findet die zentrale Maifeier vor dem Rathaus statt. Und ab 1923 werden Einlasskarten für das nachmittägliche Schauturnen der Arbeiterturner am Rathausplatz verkauft, 2.000 Kronen kostet der Spaß, nach heutiger Kaufkraft knapp 1,50 Euro. Diese Einnahmen sollen, gemeinsam mit dem Verkauf der Maiabzeichen, die Kosten der Veranstaltung decken.

1923 werden die Maifeiern erstmals gefilmt, die Rechte exklusiv an Gersick-Film vergeben. Die Ordner werden gebeten, den mit Legitimationen ausgewiesenen Filmoperateuren dieses Unternehmens zu allen erwünschten Punkten Zutritt zu gewähren, hingegen Filmoperateure anderer Unternehmungen abzuweisen, heißt es am 29. April in einer Anweisung am Titelblatt der Arbeiter-Zeitung.

Der Fackelzug der Arbeiterjugend am Vorabend des 1. Mai findet 1926 erstmals statt. Mehr als anderthalb Stunden dauerte der Vorbeimarsch des regelmäßig gegliederten, stramm schreitenden Zuges, zwanzigtausend junge Arbeiter und Arbeiterinnen waren gekommen, berichtet die Arbeiter-Zeitung 1928.

Seine heutige Form erhält der Maiaufmarsch schließlich im Jahr 1929: Die Demonstranten marschieren nun in zwei Zügen am Rathaus vorbei. Indem wir am roten Rathaus, dem Stolz der Wiener Arbeiter, grüßend vorüberziehen, wollen wir zugleich das gewaltige Werk feiern, dessen Beginn sich in dessen Tagen zum zehnten Male jährt: Zehn Jahre rotes Wien.


„Vierundzwanzig Stunden sind zu kurz für unseren 1. Mai“, klagt die Arbeiter-Zeitung 1929, „im engen Rahmen eines einzigen Tages“ sei das Riesenaufgebot nicht zu bewältigen. Hunderttausende kommen, schließlich zählt die Wiener Sozialdemokratie 417.347 Mitglieder. Und die Zahlen steigen weiter: 1931 sind 45 Prozent aller erwachsenen Männer und 20 Prozent aller Frauen „organisiert“.

Spaziergänge am Stacheldraht

Nach der sogenannten „Selbstausschaltung“ des Parlaments im März 1933 untersagt die Regierung sämtliche Maiaufmärsche. Der Parteivorstand ruft deshalb zu legalen „Massenspaziergängen“ am Ring auf. Die Arbeiter-Zeitung vom 30. April 1933 titelt: „Wir feiern den 1. Mai! Wir flaggen! Wir schmücken die Fenster! Wir tragen das Maiabzeichen!“ Die Leserschaft wird ersucht, die „Weisungen des Wiener Parteivorstandes“ genau zu befolgen, jede Konfrontation mit der Polizei zu vermeiden und sich vor Provokateuren in Acht zu nehmen.

An diesem 1. Mai war Wien in zwei ungleiche Teile zerlegt: Innerhalb des Drahtverhaues, der die Innere Stadt absperrte, die Bankpaläste und die Nobelhotels, die Gewehrpyramiden und die Maschinengewehre. Außerhalb dieser Stacheldrahtgrenze – das arbeitende Volk von Wien.

„Das Kostümfest der Faschisten“

Im Anschluss an die Februarkämpfe 1934 und dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und all ihrer Vorfeldorganisationen tritt ausgerechnet am 1. Mai 1934 die Maiverfassung des Ständestaats in Kraft, „die den österreichischen Staatsbürgern alle Freiheits­rechte, dem österreichischen Volke sein Selbst­bestimmungs­recht raubt, den schrankenlosen Absolutismus in Österreich herstellt“, so Otto Bauer in der im Brünner Exil hergestellten illegalen Arbeiter-Zeitung vom 6. Mai.

Über den Maiaufmarsch der Austrofaschisten schreibt Bauer: In den Nachmittagsstunden fand unter dem Schutze eines riesigen Polizei- und Schutzkorps­aufgebotes auf der Ringstraße das Kostümfest der Faschisten statt. In „historischen“ Kostümen marschierten die „Stände“ auf. Die fetten Selchermeister fuhren in ihren Wagen, ein paar Gehilfen durften ihnen schwitzend die Standarten zu Fuß nachtragen. Das Spalier blieb stumm. Nur hin und wieder begrüßte ein Zuseher einen Zugsteilnehmer: „Servas, Sturminger!“ Indes sei an diesem Tag der Wiener­wald voll von Menschen. An einer Reihe von Stellen kamen die Arbeiter zusammen. Rote Fahnen werden gehißt, Ansprachen gehalten und Lieder gesungen.

Und: sie waren alle freiwillig gekommen. Da war kein Kommando, kein „Apell“, kein Druck und keine Drohung. [...]Der Sozialismus hat sich auf den Straßen gezeigt und demonstrativ, im jubelden Strom der Massen, von dieser Stadt wieder Besitz ergriffen. Arbeiter-Zeitung, 3.5.1946

Im Jahr darauf ist die Arbeiterschaft mutiger. Millionen Streuzettel und Flugblätter kündeten vom Dasein der Sozialisten und gaben Zeugnis von dem Kampf der österreichischen Arbeiter gegen die Klerikofaschisten, so Otto Bauer über den 1. Mai 1935. In einzelnen Bezirken finden „Blitz­demonstrationen“ statt, über 2 Meter lange Drei-Pfeile-Symbole treiben am Donaukanal. Nach dem sogenannten Anschluss wird der 1. Mai schließlich zum „Tag der deutschen Arbeit“.

Während im Westen Österreichs noch gekämpft wird, finden am 1. Mai 1945 in Wien bereits die ersten politischen Kundgebungen statt. 1946 kann die Sozialdemokratie ihren 1. Mai wieder auf traditionelle Weise begehen – 200.000 Menschen marschieren grüßend am Rathaus vorbei.

Der Waschsalon Karl-Marx-Hof feiert den 1. Mai traditionell mit einem Tag der offenen Tür.

Die Straße des Ersten Mai im Prater ist seit 1920 nach dem Arbeiterfeiertag benannt.

Literatur: Wolfgang Maderthaner, Michaela Maier (Hrsg.), Acht Stunden aber wollen wir Mensch sein. Der 1. Mai. Geschichte und Geschichten, 2010; Harald Troch, Rebellensonntag, 1991.

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