
© Bezirksmuseum Meidling
Neben Bürgermeister Karl Seitz der spätere Namensgeber des Hofes, Edmund Reismann
Eine der größten – und bis heute sichtbarsten – Leistungen des Roten Wien der Ersten Republik ist die Errichtung von über 380 Gemeindebauten mit knapp 65.000 Wohnungen. Die feierlichen Eröffnungen dieser Bauten haben Volksfestcharakter – und zählen zur „Sonntagsarbeit des Bürgermeisters“.
So auch am 27. Juni 1926, als zwei der größten – und wenn in diesem Kranze der prächtigen Wohnhausbauten, die jetzt nacheinander eröffnet werden, ein Vergleich an Schönheit überhaupt möglich ist –, auch zwei der schönsten Wohnhausanlagen eröffnet werden, wie die Arbeiter-Zeitung schwärmt: Der Reumannhof am Margaretengürtel und das Haus am Fuchsenfeld in Meidling, der heutige Reismannhof.
Unter Bürgermeister Reumann hat der Aufbau der Stadt begonnen. Unter ihm sind die Fundamente gelegt worden für das neue Wien…Bürgermeister Karl Seitz
Die Fassade des von Hubert Gessner entworfenen Reumannhofs, benannt nach dem kurz zuvor verstorbenen ersten sozialdemokratischen Bürgermeister der Stadt Jakob Reumann, erstreckt sich über 180 Meter und umfasst zum Zeitpunkt seiner Errichtung 480 Wohnungen für etwa 2.000 Menschen, „Kleinwohnungen“ zwar mit 25 bis 60 m2, von denen aber die meisten über einen Balkon, eine Loggia oder einen Erker verfügen.

© Wien Museum Inv.-Nr. 57962/55
Der 180 Meter lange Reumannhof vom Haydnpark aus gesehen
Das streng symmetrische Grundkonzept der Anlage mit einem monumentalen Mittelteil, einem „Ehrenhof“ und zwei seitlichen Gartenhöfen veranschaulicht hier erstmals die Idee des „Volkswohnpalastes“, die für die großen Wohnhausanlagen des Roten Wien zum Programm werden sollte.
Doch was wäre ein „Volkswohnpalast“ ohne die typischen „Accessoires“ eines Palastes? Im „Ehrenhof“ befinden sich ein Denkmal – die Büste des Namensgebers – und ein Bassin, das den Kindern des Hofes als Planschbecken dient. Dahinter liegt der Kindergarten, mit weiß und blau gekachelten Gängen und heiteren, bunten Zimmern.
Die Anlage verfügt außerdem über eine Waschküche, eine Milchtrinkhalle, elf Ateliers, etliche Werkstätten und 19 Geschäftslokale, darunter auch das hauseigene Café Reumannhof.
Tausende Wiener, so die Arbeiter-Zeitung, kamen aus allen Bezirken... Das Schönste aber war das acht Stock hohe Mittelhaus mit den tausend strahlenden Gesichtern in seinen festlich geschmückten Fenstern...

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Die Errichtung des zentralen Mittelblocks löste bereits im Vorfeld einen kleinen Kulturkampf aus. Von Hubert Gessner ursprünglich als zwölfgeschossiger, 40 Meter hoher Gebäudeteil konzipiert, hätte es Wiens erstes Hochhaus werden sollen. Dagegen wird sofort heftig polemisiert. Aber es gibt auch sachliche Einwände: Ist es denn irgendwo in einer Stadt üblich, den Bewohnern die Auflage aufzubürden, derart hochgelegene Wohnräume durch die Stiegen zu erreichen?, meint, nicht ganz zu Unrecht, der Christlichsoziale Ludwig Biber im Gemeinderat.
Wegen „Wasser-, Feuer- und Aufzugssorgen“, so Stadtrat Franz Siegel, entschließt sich die Gemeinde letztendlich, den Turm auf acht Geschosse zu reduzieren.
Die Neue Freie Presse erkennt in dem Bau dennoch den Charakter eines Wolkenkratzers und in denEröffnungsfeierlichkeiten einen gewissen agitatorischen Charakter. Tatsächlich inszeniert das Rote Wien die Eröffnung als großes Volksfest – mit Kinderreigen und Musikkapelle.
Aber damit hatte sich der Bürgermeister seiner Pflichten an diesem Vormittag noch nicht entledigt.
Max Winter, 1926
Neben Bürgermeister Karl Seitz und der Witwe Reumanns sind die Stadträte Hugo Breitner (Finanzen), Franz Siegel (Technische Angelegenheiten), Paul Speiser (Personal), Julius Tandler (Wohlfahrts- und Gesundheitswesen) und Anton Weber (Wohnungswesen) anwesend, weiters der Präsident des Wiener Landtages Robert Danneberg, Stadtschulratspräsident Otto Glöckel, Otto Bauer und Albert Sever für den sozialdemokratischen Parteivorstand, nahezu sämtliche Bezirksvorsteher, zahlreiche Gemeinderäte, Stadtbaudirektor Franz Musil und noch viele mehr.
Nach den Feierlichkeiten am Gürtel zieht der Tross weiter zur nahegelegenen Längenfeldgasse.
Die neue Wohnhausanlage Am Fuchsenfeld, der heutige Reismannhof, ist eine Erweiterung des 1924 von den Architekten Heinrich Schmid und Hermann Aichinger errichteten Fuchsenfeldhofes.

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Die Wohnhausanlage Am Fuchsenfeld, der heutige Reismannhof
Im Gegensatz zu diesem, einer streng gegliederten Hofanlage, präsentiert sich der neue Bauteil als große, verschachtelte Anlage mit mehreren Innenhöfen, geschwungenen Straßen und unregelmäßigen Platzbildungen, ähnlich den „malerischen“ späteren Bauten desselben Architektenduos, wie etwa dem Rabenhof.
Hier ergreift mit Robert Oerley erstmals auch ein Vertreter der österreichischen Architekten das Wort: Die Wohnhausbauten der Gemeinde Wien stehen auf einem Niveau, um das uns jedermann beneidet.Man muß nur, wie ich selbst Gelegenheit hatte, das Glück der Leute sehenund beobachten, welche, an die tristesten Wohnungsverhältnisse gewöhnt, endlich menschenwürdig untergebracht sind.
Den Bewohnern der 609 Wohnungen stehen auch hier eine Reihe von Infrastruktureinrichtungen zur Verfügung: eine Zentralwäscherei mit Badeanlage, ein Kindergarten, eine Mutterberatungsstelle, elf Geschäftslokale, eine Konsumgenossenschaft, sechs Ateliers und sieben Werkstätten, eine Apotheke und sogar ein eigener Turnsaal.

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Diese gesunden, zweckmäßig gebauten Wohnungen voll Licht, Luft und Sonne, konnten, so Bürgermeister Karl Seitz, nur hergestellt werden, weil man sich weniger von dem Gedanken an die Verzinsung des Kapitals, sondern vor allem von dem Gedanken leiten läßt, daß die menschliche Arbeitskraft das beste Kapital ist und daß wir die Pflicht haben, mit diesen Talenten zu wuchern.
Nur zwei Tage nach diesem Eröffnungsmarathon geht der „Wucher“ weiter. Bürgermeister Karl Seitz legt in Floridsdorfden Grundstein für die 25.000ste Gemeindewohnung in der „Gartenstadt“ Jedlesee. Das erste Wohnbauprogramm des Roten Wien ist damit zwei Jahre vor der Zeit erfüllt.
1949 wird die Anlage vom Fuchsenfeldhof abgetrennt und nach dem 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordeten sozialdemokratischen Kommunalpolitiker Edmund Reismann benannt.
Die Gartenstadt Jedlesee trägt seit 1951 den Namen Karl-Seitz-Hof.