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1919 publiziert Otto Bauer in der Berliner Verlagsgenossenschaft „Freiheit“ eine Broschüre mit dem Titel „Der Weg zum Sozialismus“ – laut dem Ökonomen Günther Chaloupek „vielleicht das bestdurchdachte Sozialisierungskonzept der damaligen Zeit.“
Die Schrift beginnt beinahe poetisch: Die politische Revolution hat den Kaiser entthront, das Herrenhaus beseitigt, das Privilegienwahlrecht in Ländern und Gemeinden zerschlagen. Alle politischen Vorrechte sind vernichtet. Alle Staatsbürger ohne Unterschied der Klasse, des Standes des Geschlechtes sind jetzt Bürger gleichen Rechtes.
Aber die politische Revolution ist nur die halbe Revolution. Sie hebt die politische Unterdrückung auf, aber sie läßt die wirtschaftliche Ausbeutung bestehen. Der Kapitalist und der Arbeiter – sie sind rechtlich einander gleich, sie genießen gleiche politische Rechte, aber darum bleibt doch der Kapitalist, der andere Arbeiter; bleibt der Herr von Fabriken und Bergwerken, der andere arm und schutzlos wie eine Kirchenmaus.

Die politische Revolution, so Bauer, beende die wirtschaftliche Ausbeutung allerdings nicht mit einem Schlag, sondern sie mache diese um so spürbarer. Haben wir dazu die Allgewalt des Kaisers gestürzt, um der Allgewallt des Kapitalismus unterworfen zu bleiben?
Der Krieg, den Otto Bauer persönlich in Russland miterleben musste, habe die Demokratie in Europa zwar zum Sieg geführt, wirtschaftlich jedoch Armut und Elend gebracht. Diese Umwälzungen machten, so Bauer, „den Sozialismus zu einer unentrinnbaren Notwendigkeit“.
Polemisch und rhetorisch brillant fährt Bauer fort: Können wir uns bei solcher Armut noch den Luxus leisten, feisten Prälaten und hochmütigen Grafen, üppigen Kriegsgewinnern und müßigen Rentnern einen Tribut aus dem Ertrag unserer Arbeit zu entrichten? Kann ein Volk, das so arm geworden ist, es noch ertragen, daß der spärliche Ertrag seiner Arbeit so ungleich verteilt wird?
Aus unserer wirtschaftlichen Not gibt es nur e i n e n Ausweg: den Sozialismus!
Die Geschichte lehre, dass eine politische Revolution innerhalb „eines Tages“ passieren könne. Doch könne sich die soziale Revolution ebenso rasch und einfach vollziehen? Wie können wir zu einer sozialistischen Gesellschaftsordnung kommen?
Wir müssen in planmäßiger organisierender Arbeit, von einem Schritt zum anderen zielbewußt fortschreitend, die sozialistische Gesellschaft allmählich aufbauen.
Der Weg zum Sozialismus verläuft bei Otto Bauer, ähnlich wie bei Max Adler, über die stetig wachsende Verbreitung sozialistischen Gedankenguts nicht nur unter den proletarischen Massen, sondern in der gesamten Gesellschaft. Herrsche in den Köpfen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung erst die Erkenntnis von der „Notwendigkeit des demokratischen Sozialismus“, so sei dessen Sieg gleichsam gesichert. Auf gewaltsame Maßnahmen wie im Bolschewismus könne dadurch verzichtet werden.
Diese Theorien eines sanften Hinübergleitens in eine neue Ordnung wird von weiter links stehenden Marxisten allerdings heftig kritisiert.

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Besonders bemerkenswert an Otto Bauers „Der Weg zum Sozialismus“ sind seine Forderungen bezüglich einer neuen Wohnungspolitik, die im Roten Wien aufgenommen, allerdings nur teilweise umgesetzt werden können.
Die Überfüllung der Wohnungen ist die schlimmste Gefahr für die Volksgesundheit, die Quelle der ungeheueren Verbreitung der Tuberkulose, der Verwahrlosung der Jugend, der Zerrüttung des Familienlebens.
Es sei deshalb „doppelt notwendig, die Wohnungsfrage zu lösen. Die wichtige Aufgabe auf diesem Gebiet fällt den Gemeinden zu; […] Zu diesem Zweck muß der Staat den Gemeinden das Recht zugestehen, das städtische Bauland und die Miethäuser im Stadtbezirk zu enteignen. Die bisherigen Eigentümer müssen selbstverständlich von den Gemeinden entschädigt werden.
Die Gemeinden müssten das erworbene Bauland entweder selbst bebauen oder an Baugenossenschaften vergeben, damit das Angebot an verfügbaren Wohnungen ebenso schnell wachse, wie der Wohnungsbedarf der Bevölkerung.
Bauer lehnt sich in seinen Forderungen recht weit aus dem Fenster. Der Staat wird weiter jedem Staatsbürger einen klagbaren Anspruch gegen die Gemeinde auf Zuweisung einer seiner persönlichen Verhältnissen angemessenen Wohnung gegen ortsüblichen Mietzins zugestehen müssen. Einen Gewinn sollen die Gemeinden aus der Vermietung der Wohnungen nicht ziehen dürfen.
Otto Bauer hält es für „nicht denkbar“, alle Miethäuser der Gemeinde von einer Stelle aus zu verwalten. Stattdessen sollte die Verwaltung der einzelnen Häuser den zu bildenden „Mieterausschüssen“ übertragen werden, die für die Instandhaltung, pflegliche Behandlung und Reinigung Sorge zu tragen hätten.

Waschküche, um 1926 © Wien Museum Inv.-Nr. 98696/2
Ebenso revolutionär ist Bauers Vorschlag, dass zur Entlastung der Hausfrauen Zentralküchen, Zentralwaschküchen, Zentralheizanlagen, Spielräume und Lernzimmer für die Kinder, gemeinsame Speiseräume, Lesezimmer und Spielzimmer für die Erwachsenen einzurichten und die zur Führung dieser gemeinsamen Einrichtungen erforderlichen Köchinnen, Wäscherinnen, Kinderpflegerinnen usw. zu bestellen seien, um auf diese Weise auch die Haushaltungen zu sozialisieren.
Arbeiten wir alle daran, daß er komme, nicht als das Ergebnis verheerender Katastrophen, sondern als die Frucht zielbewusster Arbeit!
Die arbeitenden Frauen werden nicht mehr der Doppelarbeit im Beruf und im Haushalt erliegen. Für die Kinder wird viel besser als bisher vorgesorgt sein; wenn die Mutter in die Fabrik oder ins Bureau geht, wird sie die Kinder nicht mehr sich selbst überlassen müssen…
Abschließend warnt Bauer, dass falls der Sozialismus, der „zur geschichtlichen Notwendigkeit geworden“ sei und auf jeden Fall kommen werde, nicht als das Ergebnis planmäßig aufbauender Arbeit komme, „dann müssten wir alle ihn furchtbar teuer erkaufen“ – mit Jahren des Bürgerkrieges und der Zerstörung.
Literatur: Günther Chaloupek, Die Österreichische Schule und der Austromarxismus, 1987