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Aktuelle Seite: „Eine Arbeitskraft allerersten Ranges“
0025 | 5. JULI 2021    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Eine Arbeitskraft allerersten Ranges“

Über den Vielschreiber Friedrich Austerlitz

Sonntag früh ereilte uns die Schreckenskunde: Friedrich Austerlitz ist gestorben, titelt die Arbeiter-Zeitung vom 6. Juli 1931. Vor wenigen Tagen noch saß er Nacht für Nacht bis zum grauenden Morgen an dem Schreibtisch, an dem er fünfunddreißig Jahre lang unsere Arbeiter-Zeitung geleitet hat. Dem ungestümen Arbeitswillen des Neunundsechzigjährigen schien das Alter nichts anhaben zu können.

Der 1862 im böhmischen Hochlibin geborene Friedrich Austerlitz ist bereits während seiner Ausbildung zum Kaufmannsgehilfen publizistisch tätig. In Wien schließt er seine Ausbildung bei der Firma Gerngroß ab und bringt es bis zum Prokuristen. Seine freien Abende verbringt er vorzugsweise im Burgtheater. Noch Jahre später beeindruckt er seine Redaktionskollegen damit, dass er stundenlang Szenen aus Shakespeare-Dramen zitiert.

1890 wird Austerlitz, der sich für geregelte Arbeitszeiten im Handel einsetzt, aus dem Kaufmännischen Verein, der Organisation der Handelsangestellten, ausge­schlossen. Er gründet daraufhin den Verein der Handlungsgehilfen sowie die Zeitung Der Handlungsgehilfe. Hier wird Victor Adler auf seine geschliffen geschriebenen Artikel aufmerksam und holt ihn zur Arbeiter-Zeitung. Mit der Umwandlung des Blattes in eine Tageszeitung wird Austerlitz zunächst „führender Redakteur“, 1895 Chefredakteur.

Austerlitz ist eine Arbeitskraft allerersten Ranges, zieht wie ein Roß und versteht sofort, was man will. Er schreibt nur noch zu gebildet.Victor Adler in einem Brief
an Friedrich Engels, 1895
         

Austerlitz ist ein Vielschreiber. Täglich verfasst er ein bis zwei längere Artikel und diverse Glossen, redigiert die Parlamentsberichte, liest und korrigiert die Bürsten­abzüge und besorgt den Umbruch. Nebenbei „verschlingt“ er noch alle übrigen Zeitungen. Erst gegen Morgen verlässt er die Redaktion.

Der damalige Feuilleton-Mitarbeiter Hugo Thaller beschreibt die Situation in der Arbeiter-Zeitung später wie folgt: Da war zuerst natürlich Viktor Adler. Dann aber bestand die politische Redaktion aus Austerlitz, Austerlitz und noch einmal Austerlitz…

Die harteSchule Austerlitz

Jacques Hannak, ein prominenter Mitarbeiter der Arbeiter-Zeitung, erinnert sich 1952: Wenn man will, war die Schule Austerlitz eine harte Schule, und manche überstanden sie nicht und liefen davon. […] Wehe, wenn er einem verhatschten Nebensatz, einem schlecht gesetzten Beistrich, einer verschmockten Feuilletonwendung begegnete, da konnte er toben und rasen, da empfand er die Banalität des Stils als eine ihm persönlich angetane Kränkung.

Als enger Freund von Karl Kraus unterstützt Austerlitz diesen im Kampf gegen den Zeitungs­herausgeber Imre Békessy, für dessen Boulevardblatt Die Stunde übrigens auch der junge Billy Wilder tätig ist. Kraus wirft Békessy Skrupellosigkeit und erpresserische Methoden vor, seine Aufforderung Hinaus aus Wien mit dem Schuft! wird in Wien zum geflügelten Wort.

Dieser Rebell, dieser Fanatiker der Gerechtigkeit

Austerlitz' besonderes Interesse gilt neben dem Journalismus vor allem dem Rechtswesen. Als einziger Nichtjurist wird er in den Verfassungsgerichtshof berufen. Eifrigste Beschäftigung mit den Straf- und Verfassungsgesetzen, veranlaßt durch die täglichen Notwendigkeiten des Berufes, hatten ihn zu einem vorzüglichen Kenner dieser Materie gemacht […]. An Scharfsinn und raffinierter Dialektik konnte er es mit geübten Rechtsvertretern aufnehmen, muss sogar die Reichspost in ihrem Nachruf anerkennen.

Von 1919 bis zu seinem Tod gehört Friedrich Austerlitz darüber hinaus der Konstituierenden National­versammlung und dem Nationalrat an. Nichtsdestotrotz wird er als der Jude Austerlitz und als Feldmarschall des jüdisch-roten Zeitungswesens vor allem in den „christlich-sozialen“ Medien regelmäßig auf das Schärfste attackiert.

Nobody is perfect

Auch Titanen sind nur Menschen. Austerlitz' „Sündenfall“ ereignet sich am 5. August 1914. In der Arbeiter-Zeitung verfasst er den folgenschweren Leitartikel über die Zustimmung der deutschen Sozialdemokratie zu den Kriegskrediten – Der Tag der Deutschen Nation:Wie immer die eisernen Würfel fallen mögen – und mit der heißesten Inbrunst unseres Herzens hoffen wir, daß sie siegreich fallen werden für die heilige Sache des deutschen Volkes –: das Bild, das heute der Deutsche Reichstag, die Vertretung der Nation, bot, wird sich unauslöschlich einprägen in das Bewußtsein der gesamten deutschen Menschheit, wird in der Geschichte als ein Tag der stolzesten und gewaltigsten Erhebung des deutschen Geistes verzeichnet werden. […] nie hat eine Partei größer und erhebender gehandelt als diese deutsche Sozialdemokratie…


Wie viele andere Sozialdemokraten auch revidiert Austerlitz sehr bald seine Meinung und avanciert zum erbitterten Kriegsgegner. Durch sein engagiertes Auftreten für die Pressefreiheit und gegen die staatlichen Unterdrückungs­maßnahmen während des Krieges erwirbt er sich großes Ansehen, weit über die sozialdemokratische Bewegung hinaus.

Die Arbeitermörder freigesprochen

Nach den skandalösen Freisprüchen im Schattendorfer Prozess schreibt Austerlitz in seinem Leitartikel vom 15. Juli 1927: Nach Ansicht dieser Geschworenen bedeutet es also gar nichts, auf Menschen zu schießen; das ist, wenn die Schießenden Frontkämpfer sind, wohl ein erlaubtes Jagdvergnügen! Die aber den Eid, den sie geleistet haben, so schnöde mit Füßen treten; die sich über Recht und Unrecht so frech hinwegsetzen, die sind keine Geschworenen, sind ehrlose Gesetzbrecher, denen für ihren schamlosen Freispruch Haß und Verachtung aller rechtlich denkenden Menschen gebührt. [...] Die bürgerliche Welt warnt immerzu vor dem Bürgerkrieg; aber ist diese aufreizende Freisprechung von Menschen, die Arbeiter getötet haben, nicht schon selbst der Bürgerkrieg? Wir warnen sie alle, denn aus einer Aussaat von Unrecht, wie es gestern geschehen ist, kann nur schweres Unheil entstehen.

In der Tat: Im Laufe dieses Tages kommt es zu spontanen Demonstrationen der Wiener Arbeiterschaft. Das Fazit des 15. Juli: Fast 100 Tote, 600 Schwerverletzte und ein in Brand gesetzter Justizpalast.

…still sind alle Maschinen und alle Menschen

Austerlitz’ früher Tod hinterlässt eine große Lücke. Alle Geräusche, die sonst das Zeitungsgebäude durchlaufen, sind verstummt wie die Stimme des großen Chefredakteurs; still sind alle Maschinen und alle Menschen, berichtet die Arbeiter-Zeitung am 9. Juli 1931. Nachfolgekandidaten für die Leitung des Blattes sind Julius Braunthal und der Wirtschafts­redakteur Otto Leichter, im Gespräch ist auch ein Redaktionsausschuss unter der Leitung Otto Bauers. Die Wahl fällt schließlich auf Oscar Pollak.

Kurz nach Austerlitz' Tod wird einer der größten Gemeindebauten der Ersten Republik in der Baumgasse im 3. Bezirk nach ihm benannt. Die Austrofaschisten ändern den Namen in Rabenhof, und dabei bleibt es auch nach Kriegsende. 1949 wird eine kleinere Wohnhausanlage in der Maroltingergasse in Ottakring Austerlitzhof benannt.

Literatur
Jacques Hannak, Im Sturm eines Jahrhunderts, 1952

PRESSE UND PROLETARIAT

Sozialdemokratische Zeitungen im Roten Wien

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