Zum Inhalt springen
Aktuelle Seite: „Man muss die Leute gernhaben.“ Bruno Kreisky in der Ersten Republik
0003 | 21. Januar 2021    Text: Lilli Bauer & Werner T. Bauer

„Man muss die Leute gernhaben.“ Bruno Kreisky in der Ersten Republik

Die Verdienste des österreichischen „Sonnenkönigs“ hier würdigen zu wollen, hieße Eulen nach Athen tragen. Weniger bekannt als das Wirken des Langzeitkanzlers und SPÖ-Vorsitzenden ist allerdings der junge Bruno Kreisky, der bereits in der Ersten Republik politisch überaus umtriebig ist.

Bruno Kreisky wird am 22. Januar 1911 als Sohn einer wohlhabenden assimilierten jüdischen Familie in der Schönbrunner Straße 122 in Margareten geboren. Seine Mutter entstammt der bekannten Industriellenfamilie Felix, sein Vater ist Generaldirektor der Österreichischen Wollindustrie AG und Textil AG.

Im November 1924, im Alter von nur 13 Jahren, nimmt Bruno Kreisky an seiner ersten Demonstration, einer Kundgebung von Schülern vor dem Wiener Stadtschulrat, teil. Anlass ist der Selbstmord eines Mitschülers. Mit dieser Kundgebung für einen an den Schulverhältnissen zugrunde gegangenen Mitschüler begann mein eigentliches Engagement und ich wurde Mitglied in der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler.

Am 15. Juli 1927 wird Kreisky Zeuge der gewalttätigen Auseinandersetzungen vor dem Justizpalast. Plötzlich peitschten Schüsse. […] Zum ersten Mal sah ich Menschen sterben. […] Damals ist mir bewusst geworden, dass die Arbeit, die ich in der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler leistete, eigentlich sinnlos war […]. Plötzlich war ich die Diskussionen um der Diskussion willen satt. […] Ich suchte, was mir aus meiner Klassenlage heraus nicht so leicht zu finden möglich war: den Kontakt zur jungen Arbeiterschaft.

Aller Anfang ist schwer

Schon am ersten Tag
ist mir das widerfahren,
was man die ‚Intellektuellen­feindlichkeit’ nennt.

Beim Verband der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) in Wieden stößt das Bürgersöhnchen zunächst auf erhebliche Widerstände. Schon am ersten Tag ist mir das widerfahren, was man die ‚Intellektuellenfeindlichkeit’ nennt. […] Verwirrt über diese ungnädige Aufnahme, wandte ich mich an einen Freund, der den Sprung bereits geschafft hatte, und der hat mich aufgeklärt: Diese Haltung sei auf Victor Adler zurückzuführen, der immer gesagt habe, Intellektuelle müsse man dreimal wegschicken, und wenn sie dann immer noch zur Mitarbeit bereit seien, dann dürfe man sie behalten.

Kreisky, der zu diesem Zeitpunkt in der Rainergasse 29 in Wieden wohnt und das Radetzky-Gymnasium im 3. Bezirk besucht, überwindet das Misstrauen der jungen Arbeiter und wirft sich in die Schlacht. Als im Sommer 1928 die Schüler aus der Pflichtschule entlassen wurden, bekam ich wie immer die undankbarste Aufgabe. Man gab mir eine Liste von 200 Buben und Mädeln, zu denen ich gehen musste, um sie für die sogenannten ‚Roten 28er’ zu gewinnen […]. Das war meine erste verantwortliche Tätigkeit.

Ein Jahr später, 1929, engagiert sich Bruno Kreisky auf Einladung von Otto Felix Kanitz bei der Organisation des Internationalen Sozialistischen Jugendtreffens. Er ist für das „Expedieren der Teilnehmerkarten“ verantwortlich und erinnert sich später: Damals lernte ich die wichtigsten europäischen Jugendführer kennen, aus denen später zum Teil bedeutende Politiker wurden.

Auf Anraten Otto BauersDie Partei braucht gute Juristen und hat davon zu wenige – beginnt Kreisky im Herbst 1929 mit dem Studium der Rechtswissenschaften. Der Partei bleibt er als Verantwortlicher für die politische und kulturelle Erziehungsarbeit der Sozialistischen Arbeiterjugend weiterhin eng verbunden.

1933 wird Bruno Kreisky im Anschluss an eine Demonstration in Simmering zum ersten Mal festgenommen und verbringt zehn Tage in Polizeihaft.

„Das Gefühl plötzlicher Heimatlosigkeit.“

Nach den blutigen Februarkämpfen und dem Verbot sämtlicher sozialdemokratischer Organisationen gründet Bruno Kreisky mit Roman Felleis, seinem besten Freund, die illegale Revolutionäre Sozialistische Jugend. Es gab damals noch keine Romantisierung der Februarereignisse. Sie waren schlicht und einfach die Niederlage. Als Abgesandter der illegalen Partei reist er mehrmals unter falschen Namen zu Otto Bauer in dessen Exil nach Brünn. Lange Perspektive’, habe ich ihn gefragt, ‚wie schaut das zeitlich aus?’ Und Otto Bauer erwiderte – das war Anfang März 1934: Nationalsozialismus und Faschismus würden in einem neuen Weltkrieg enden. 

Am 30. Januar 1935 wird Kreisky wegen der Teilnahme an der ersten Reichskonferenz der Revolutionären Sozialisten in Brünn in der elterlichen Wohnung verhaftet. Ich musste mich anziehen. Dann nahmen sie mich in die Mitte, und zu dritt stapften wir durch die Dunkelheit zur Straßenbahnhaltestelle. Als wir einstiegen, verlangte der Schaffner, dass ich einen Fahrschein löse. Ich sagte: ‚Die Fahrt trete ich nicht freiwillig an, das müssen die Herren zahlen, die da sitzen‘.
Mit ihm werden Franz Jonas, Otto Probst, Stefan Wirlandner, Anton Proksch, Theodor Grill und Josef Kratky ins Gefängnis eingeliefert.

Nach 16 Monaten Untersuchungshaft wird Bruno Kreisky im großen Sozialistenprozess wegen Hochverrats zu einem Jahr Kerker verurteilt.

In seiner legendär gewordenen Verteidigungs­rede sagt er u.a.: Ich habe schon gesagt, dass ich nach wie vor Sozialist bin. Weder die Taten der Regierung, noch die aufmerksame Lektüre nichtsozialistischer und anti­marxistischer Werke ließen mir eine andere Lösung als die des Sozialismus möglich erscheinen. Ich halte weiter den Klassenkampf für das einzige Mittel der Befreiung der Arbeiterschaft. Er kommt Anfang Juni 1936 frei, verliert jedoch seine Hochschulberechtigung und findet vorübergehend Arbeit in einer Kärntner Lodenfabrik. Ich bin also, wenn man so will, ein angelernter Hilfsarbeiter der Textilindustrie.

Ende 1937 kann Kreisky sein unterbrochenes Studium fortsetzen, und am 14. März 1938, zwei Tage nach dem „Anschluss“, legt er noch sein Rigorosum ab. Vier Jahre lang hatte ich wegen meiner Relegierung und Haft darauf gewartet, endlich fertig zu werden, und so konnten mich auch die Ereignisse vom Wochenende nicht davon abbringen.

Tags darauf wird er bereits in „Schutzhaft" genommen und verbringt die nächsten Monate im Landesgericht Wien II, im Notgefängnis Karajangasse und im Gefangenenhaus Wien I. Es war die übliche schlechte Beleuchtung, der schlechte Geruch, das schlechte Essen, alles, was ich schon kannte – aber eine andere Klientel […] Alles, was Rang und Namen hatte unter den Kleriko-Faschisten, war jetzt eingesperrt.

 

Das große Erlebnis

Ende September 1938 geht Kreisky auf Einladung des Obmanns der schwedischen Jungsozialisten und späteren Außenministers Torsten Nilsson nach Schweden, wo ihn 1940 auch seine Eltern erreichen. Mehr als 20 seiner Familienangehörigen werden von den Nationalsozialisten in Konzentrationslagern ermordet.

In Schweden kommt Kreisky als Sekretär der Stockholmer Konsumgenossenschaft unter; nebenbei verfasst er Beiträge für diverse in- und ausländische Zeitungen. Und: im schwedischen Exil lernt Bruno Kreisky nicht nur seinen langjährigen Freund Willy Brandt, sondern auch seine spätere Frau Vera kennen. Schweden war für mich das große Erlebnis einer funktionierenden und lebendigen Demokratie, wie es sie in dieser Form auch im alten Österreich nie gegeben hat. Vor allem der Ton, in dem Opposition und Regierung miteinander verkehrten, das politische Klima, imponierte mir.

Nach Kriegsende stellt Kreisky die Verbindung zwischen dem schwedischen Hilfswerk und Österreich her und kann im Mai 1946 erstmals nach Wien zurückkehren. Am Wiener Westbahnhof, der völlig zerstört war, standen viele Freunde […] Es war – ich weiß es noch heute – die Zeit der Blüte des Jasmins: duftende Sträuße in den Armen ausgemergelter Leute, gezeichnet vom Hunger und der Not der Zeit und durch die Gefängnisjahre, die viele hinter sich hatten. Die Seligkeit der Rückkehr, der Duft der Blüten: Ich war wie betäubt und ‚schwebte’ über die Trümmer des Wiener Westbahnhofs. Binnen weniger Augenblicke schien es mir so, als wenn ich nie weggegangen wäre.

Alle Zitate: Bruno Kreisky, Zwischen den Zeiten, 1986; Bruno Kreisky, Erinnerungen. Das Vermächtnis des Jahrhundertpolitikers. Herausgegeben von Oliver Rathkolb. 2007.

Fuss ...