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Aktuelle Seite: Von Exil zu Exil
0195 | 4. JULI 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Von Exil zu Exil

Am 4. Juli 1955 stirbt der Journalist und Autor Fritz Brügel in London.

Fritz Brügels Vater ist der 1942 im Ghetto Theresienstadt ermordete Historiker und Journalist Ludwig Brügel, Verfasser einer fünfbändigen Geschichte der österrei­chi­schen Sozialdemokratie. Fritz wird 1897 in Wien geboren, wächst in Prag auf, studiert Geschichte an der Universität Wien und schließt sein Studium 1921 mit der Dissertation „Beiträge zur Geschichte der Deutschen in Böhmen“ ab.

Danach ist Fritz Brügel als Theaterkritiker bei der Arbeiter-Zeitung tätig und leitet von 1922 bis zum Februar 1934 die Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Wiener Arbeiterkammer. Der vielseitig interessierte und umtriebige Brügel ist auch im kulturpolitischen Bereich aktiv; ab 1924 gehört er dem Verwaltungsbeirat der neugegründeten Radio-Verkehrs AG (RAVAG) an, deren Bedeutung als modernes Kommuni­ka­tions­mittel sich auch die Sozialdemokratie zu Nutze machen möchte.

Ein Vielschreiber

1923 erscheint Brügels erster Gedichtband, „Zueignung“, 1931 ein weiterer, „Klage um Adonis“. Und unter dem Titel „Die Hauptsache ist ...“ publiziert Fritz Brügel 1932 eine Reihe früherer Gedichte, die unter seinem Pseudonym Wenzel Sladek bereits in der Arbeiter-Zeitung veröffentlicht worden waren. Für das Zentralorgan der Sozialdemo­kratischen Arbeiterpartei und für deren theoretische Schrift Der Kampf verfasst er darüber hinaus zahlreiche volksbildnerische und kulturpolitische Beiträge.

Fritz Brügel ist auch der Autor des Kampfliedes der Wiener Sozialdemokraten, „Die Arbeiter von Wien“, zu deren Entstehungsgeschichte es mehrere Versionen gibt: Der Ursprung des Liedes wird sowohl in Zusammenhang mit dem Justizpalastbrand 1927, dem Internationalen Jugendtreffen 1929 als auch den Februarkämpfen 1934 genannt. Allerdings berichtet die Arbeiter-Zeitung anlässlich eines Reichs­treffens der Roten Falken bereits im August 1926: Eine Gruppe singt das neue rote Lied „Die Arbeiter von Wien“.

So flieg’, du flammende, du rote Fahne,
Voran dem Wege, den wir ziehn.

Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer.
Wir sind die Arbeiter von Wien.

Aus Protest gegen die permanenten antisemitischen Aus­schreitungen an den österreichischen Hochschulen und deren oft wohlwollende Dul­dung durch die akademischen Behörden schickt Fritz Brügel 1931 sein Doktordiplom zerrissen an den Rektor der Universität Wien zurück. Die Universität nimmt den Verzicht auf das Diplom an – und Brügel darf seinen Doktortitel offiziell nicht mehr tragen. 1933 gehört er, als Reak­tion auf die Bücherverbrennungen in Deutschland, zu den Mitbegründern der Vereini­gung sozialistischer Schriftsteller.

Emigrant, Diplomat und wieder Emigrant

Nach den Februarkämpfen 1934 tritt Fritz Brügel den Weg in die „bittere Emigration“ an und geht in die Tschechoslowakei, wo er 1935 im Prager sozialdemo­kratischen Exil-Verlag „Der Kampf“ die „Februarballade“ im Gedenken an die hingerichteten Widerstandskämpfer veröffentlicht.

Das Standrecht schreit: Es ist Galgens Zeit
und das Recht ein Maschinengewehr!

Katholisch geweiht, der Strick ist bereit
und die Schlinge von Leichen schwer!

Noch im selben Jahr wird ihm aufgrund seiner Kritik am austrofaschistischen Regime die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt, woraufhin er die tschechische an­nimmt. Er wird Legationsrat im Außenministerium der Tschechoslowakei, bereist auf Einladung des Verbandes sowjetischer Schriftsteller in den beiden folgenden Jahren die UdSSR und verfasst in der Folge einige begeisterte Reportagen.

Nach dem Münchner Abkommen im September 1938, das die Tschecho­slowakei an Hitler ausliefert, emigriert Brügel nach Paris, wo er den Gründungsaufruf der „Ligue de l'Autriche vivante“ unterzeichnet. Damit handelt er sich den Vorwurf ein, sowohl „vater­ländisch“ als auch „kommunistisch“ sein zu wollen. Mit seiner Frau Vera Dubska flieht er schließlich 1940/41 nach England, wo er im Auftrag der tschecho­slowakischen Exilregierung, aber auch als Autor für die österreichische Exilzeitung „Zeitspiegel“ tätig ist.

Nach Kriegsende kehrt Fritz Brügel in die Tschechoslowakei zurück. Er tritt wieder in den diplomatischen Dienst ein und wird 1946 stellvertretender Leiter, 1949 schließlich Leiter der tschechoslowakischen Militärmission in Berlin. Aus Protest gegen die kommunistische Machtergreifung in der Tschechoslowakei tritt er 1950 aus dem diplomatischen Dienst aus und emigriert wiederum nach England, wo er bis zu seinem Tode im Alter von nur 58 Jahren völlig verarmt lebt. Seine Frau Vera Brügel begeht im Jahr darauf, 46-jährig, Selbstmord.

Werk: Zueignung, 1923; Aus den Anfängen der deutschen sozialistischen Presse, 1929; Klage um Adonis, 1931 (Lyrik); Der Weg der Internationale, 1931; Der deutsche Sozialismus von Ludwig Gall bis Karl Marx, 1931 (gemeinsam mit Benedikt Kautsky); Die Hauptsache ist..., 1932 (Songs); Februarballade, 1935; Gedichte aus Europa, 1937; Verschwörer, 1948 (Roman).

Literatur: Eckart Früh, Fritz Brügel, 2001; Madeleine Wolensky, Februarballade. Fritz Brügel, der Bürgerkrieg 1934 und die Bibliothek der Arbeiterkammer Wien. In: Stephan Neuhäuser (Hrsg.), „Wir werden ganze Arbeit leisten...“, Der austrofaschistische Staats­streich 1934, 2004; Julius Stieber, Studien zu Fritz Brügel und seiner politischen Lyrik, 1991; ders., Fritz Brügel im Exil 1934–1955, 1998.

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