
© Verein Eisenbahnerheim – Zentrum 166
Am 7. Dezember 1913 wird das von Hubert Gessner und seinem Bruder Franz an der Kreuzung Margaretenstraße und Margaretengürtel errichtete Eisenbahnerheim feierlich eröffnet.
Anfang 1912 gründet die Zentralorganisation der Eisenbahner den „Verein Eisenbahnerheim“. Ziel ist es, der notorischen Raumnot ein Ende zu bereiten, den Wirtshäusern zu entfliehen und endlich ein eigenes, mehrfach zu nutzendes Gebäude zu besitzen. Der Auftrag geht an den Otto-Wagner-Schüler Hubert Gessner, der zuvor bereits das Vorwärtshaus, die Zentrale der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei samt Druckerei an der Rechten Wienzeile geplant hatte, und der zu diesem Zeitpunkt noch eine, allerdings gerade in Auflösung befindliche, Arbeitsgemeinschaft mit seinem Bruder Franz unterhält. Mit dem Bau wird wenige Monate später begonnen, die Fertigstellung erfolgt bereits Ende 1913.
... wollten sie aus der Enge und den für die Entwicklung einer Organisation so hemmenden Mißhelligkeiten des Eingemietetseins herauskommen.
Das multifunktionale Gebäude am Margaretengürtel beherbergt die Büros des Zentralsekretariats und der Zentralverwaltung, Versammlungssäle und Sitzungszimmer, die Redaktionsräume des Vereinsblattes „Eisenbahner“ sowie eine „Eisenbahner Herberge“ mit Ein- und Zweibettzimmern für die nach Wien kommenden Eisenbahner und ihre Frauen. Den Gästen steht überdies ein Raucher- und Lesezimmer zur Verfügung, ebenerdig gibt es ein Restaurant und ein Kaffeehaus, das ganz das Ansehen eines Großstadtcafés unserer Tage hat. […] Der Innenschmuck der Kaffeewirtschaft kann sich sehen lassen. Er trägt wie alles im Hause den Stempel erlesenen Geschmacks.
Einer der häufigen Gäste des frisch eröffneten Kaffeehauses ist übrigens der russische Revolutionär Leo Trotzki, der sich vor Ausbruch des Weltkrieges mit seiner Lebensgefährtin Natalja Sedowa für einige Jahre in Wien aufhält.

© Verein Eisenbahnerheim – Zentrum 166
Neben den Eisenbahnern – der zweitstärksten gewerkschaftlichen Organisation – finden auch der Verband der Handels- und Transportarbeiter, die Tonarbeiter, die Fuhrwerkerkrankenkasse und jene der Schwarz- und Seidenfärber, das Geldinstitut „Flugrad“ und eine Filiale des Niederösterreichischen Consumvereins hier eine neue Heimstätte.
Stilistisch steht der repräsentative Bau der etwa zur gleichen Zeit vom selben Architektenteam errichteten Versicherungsanstalt der österreichischen Eisenbahnen an der Linken Wienzeile nahe.
Gessner entwirft für die dem Gürtel zugewandte Fassade des Eisenbahnerheims ein hohes Mansardendach, das dem Bau sein markantes Äußeres verleiht. Es fällt 1944 einem Bombentreffer zum Opfer.
„… die beiden technischen Meister als Gefährten der beiden Meister der Sozialwissenschaften.“
An der Hauptfassade finden sich Porträtköpfe von Karl Marx und Friedrich Engels sowie von James Watt, der die Dampfmaschine revolutioniert hatte, und George Stephenson, dem wichtigsten Eisenbahnpionier des frühen 19. Jahrhunderts.
Den „Triumph der Technik“ versinnbildlicht eine Frauengestalt mit Eisenbahnrad und, als Gegenstück, findet sich eine Freiheitsgöttin mit gesprengten Ketten. An der Fassade zur Margaretenstraße stellen zwei Figuren die „Arbeit“ und die „Eintracht“ dar. Portraitmedaillons des Parteigründers Victor Adler, des Gewerkschaftsführers Anton Hueber, des Zentralsekretärs der Eisenbahnerorganisation Josef Tomschik sowie des Mitbegründers der Eisenbahnergewerkschaft Rudolf Müller, Allegorien der „Telefonie“ und der „Telegraphie“, des „Handels“ und der „Maschinenbaukunst“ sowie die Köpfe August Bebels, Ferdinand Lassalles, Wilhelm Liebknechts und Josef Scheus komplettieren das symbolisch aufgeladene Äußere. Beinahe die gesamte Fassadenoberfläche ist mit Dekor überzogen und plastisch gestaltet. Repräsentation und Wirkmacht – die sozialdemokratischen Eisenbahner sind schließlich nicht „irgendwer“...

Im Februar 1934 besetzt die Heimwehr das Eisenbahnerheim, kurz darauf wird der Verein aufgelöst. Das Eigentum der Freien Eisenbahnergewerkschaft geht 1936 an die „Kameradschaft der österreichischen Bundesbahn-Bediensteten“, zwei Jahre später, 1938, verleibt sich der „Reichsbund der Deutschen Beamten“ das Gebäude ein.
Im September 1944 beschädigen Bombentreffer das Eisenbahnerheim schwer, nach 1946 wird es stark vereinfacht wieder aufgebaut. In den 1960er-Jahren gestaltet Ferdinand Riedl die Fassade im Erdgeschoßbereich um und errichtet an der Gürtelseite das Kongresshaus Wien. Letzteres muss 2007 den Betrieb einstellen und weicht einem Wohnhaus.
An den Fassaden sind heute noch große geflügelte Räder als Eisenbahnerembleme sowie ein über zwei Geschosse reichendes Relief mit einer allegorischen Darstellung der Semmeringbahn und einer Inschrift zur Baugeschichte zu sehen.
Bis 2010 war die Gewerkschaft vida (vorher: Gewerkschaft der Eisenbahner) hier beheimatet. Der historische Veranstaltungssaal, der bis zu 300 Personen Platz bot, dient von 1919 bis 1967 als Kino, später als Lagerraum und seit 1991 als Probebühne (und Außenstelle) des Volkstheaters. Der ebenfalls im Haus ansässige Kulturverein der ehemaligen Eisenbahnergewerkschaft, „Eisenbahnerheim – Zentrum 166“, unterhält ein Archiv zur Geschichte der Eisenbahn und ihrer Arbeitnehmer. Ein Teil des Gebäudes wird heute vom neunerhaus – Hilfe für obdachlose Menschen genutzt.
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Verein Eisenbahnerheim – Zentrum 166
Literatur: Eisenbahner. Das Magazin der Eisenbahnergewerkschaft, periodisch; Ingrid Fleck, Die österreichische Eisenbahnergewerkschaft, 1990; Inge Podbrecky, Rotes Wien, 2003; Helmut Weihsmann, Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919–1934, 1985/2002; Walter Zednicek, Architektur des Roten Wien, 2009.