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Aktuelle Seite: Allerhöchste Eisenbahn!
0134 | 7. DEZEMBER 2023    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Allerhöchste Eisenbahn!

Am 7. Dezember 1913 wird das von Hubert Gessner und seinem Bruder Franz an der Kreuzung Margaretenstraße und Margaretengürtel errichtete Eisenbahnerheim feierlich eröffnet.

Anfang 1912 gründet die Zentralorganisation der Eisenbahner den „Verein Eisenbahner­heim“. Ziel ist es, der notorischen Raumnot ein Ende zu bereiten, den Wirtshäusern zu entfliehen und endlich ein eigenes, mehrfach zu nutzendes Gebäude zu besitzen. Der Auftrag geht an den Otto-Wagner-Schüler Hubert Gessner, der zuvor bereits das Vorwärtshaus, die Zentrale der Sozialdemo­kratischen Arbeiterpartei samt Druckerei an der Rechten Wienzeile geplant hatte, und der zu diesem Zeitpunkt noch eine, allerdings gerade in Auflösung befindliche, Arbeits­gemeinschaft mit seinem Bruder Franz unterhält. Mit dem Bau wird wenige Monate später begonnen, die Fertigstellung erfolgt bereits Ende 1913.

... wollten sie aus der Enge und den für die Entwicklung einer Organisation so hemmenden Mißhelligkeiten des Eingemietetseins herauskommen.

Erlesener Geschmack

Das multifunktionale Gebäude am Margaretengürtel beherbergt die Büros des Zentral­sekretariats und der Zentralverwaltung, Versammlungssäle und Sitzungszimmer, die Redak­tions­räume des Vereinsblattes „Eisenbahner“ sowie eine „Eisenbahner Herberge“ mit Ein- und Zweibett­zimmern für die nach Wien kommenden Eisenbahner und ihre Frauen. Den Gästen steht überdies ein Raucher- und Lesezimmer zur Verfügung, ebenerdig gibt es ein Restaurant und ein Kaffeehaus, das ganz das Ansehen eines Großstadtcafés unserer Tage hat. […] Der Innenschmuck der Kaffeewirtschaft kann sich sehen lassen. Er trägt wie alles im Hause den Stempel erlesenen Geschmacks.

Einer der häufigen Gäste des frisch eröffneten Kaffeehauses ist übrigens der russische Revolutionär Leo Trotzki, der sich vor Ausbruch des Weltkrieges mit seiner Lebensgefährtin Natalja Sedowa für einige Jahre in Wien aufhält.

Neben den Eisenbahnern – der zweitstärksten gewerkschaft­lichen Organisation – finden auch der Verband der Handels- und Transportarbeiter, die Tonarbeiter, die Fuhrwerker­krankenkasse und jene der Schwarz- und Seidenfärber, das Geldinstitut „Flugrad“ und eine Filiale des Niederöster­reichischen Consumvereins hier eine neue Heimstätte.

Stilistisch steht der repräsen­tative Bau der etwa zur gleichen Zeit vom selben Architektenteam errichteten Versicherungsanstalt der österreichischen Eisenbahnen an der Linken Wienzeile nahe.

Allegorischer Schmuck und „Charakterköpfe“

Gessner entwirft für die dem Gürtel zugewandte Fassade des Eisenbahnerheims ein hohes Mansardendach, das dem Bau sein markantes Äußeres verleiht. Es fällt 1944 einem Bombentreffer zum Opfer.

An der Hauptfassade finden sich Porträtköpfe von Karl Marx und Friedrich Engels sowie von James Watt, der die Dampfmaschine revolutioniert hatte, und George Stephenson, dem wichtigsten Eisenbahnpionier des frühen 19. Jahrhunderts. 

Den „Triumph der Technik“ versinnbildlicht eine Frauen­gestalt mit Eisenbahnrad und, als Gegen­stück, findet sich eine Freiheitsgöttin mit gesprengten Ketten. An der Fassade zur Margaretenstraße stellen zwei Figuren die „Arbeit“ und die „Eintracht“ dar. Portraitmedaillons des Parteigründers Victor Adler, des Gewerkschaftsführers Anton Hueber, des Zentralsekretärs der Eisenbahnerorganisation Josef Tomschik sowie des Mit­begründers der Eisenbahner­gewerkschaft Rudolf Müller, Allegorien der „Telefonie“ und der „Telegraphie“, des „Handels“ und der „Maschinen­baukunst“ sowie die Köpfe August Bebels, Ferdinand Lassalles, Wilhelm Liebknechts und Josef Scheus komplettieren das symbolisch aufgeladene Äußere. Beinahe die gesamte Fassadenoberfläche ist mit Dekor überzogen und plastisch gestaltet. Repräsentation und Wirkmacht – die sozialdemokratischen Eisenbahner sind schließlich nicht „irgendwer“...

Alle Räder stehen still…

Im Februar 1934 besetzt die Heimwehr das Eisenbahnerheim, kurz darauf wird der Verein aufgelöst. Das Eigentum der Freien Eisenbahnergewerkschaft geht 1936 an die „Kameradschaft der österreichischen Bundesbahn-Bediensteten“, zwei Jahre später, 1938, verleibt sich der „Reichsbund der Deutschen Beamten“ das Gebäude ein.

Im September 1944 beschädigen Bombentreffer das Eisenbahner­heim schwer, nach 1946 wird es stark vereinfacht wieder aufgebaut. In den 1960er-Jahren gestaltet Ferdinand Riedl die Fassade im Erdgeschoß­bereich um und errichtet an der Gürtelseite das Kongress­haus Wien. Letzteres muss 2007 den Betrieb einstellen und weicht einem Wohnhaus.

An den Fassaden sind heute noch große geflügelte Räder als Eisenbahnerembleme sowie ein über zwei Geschosse reichendes Relief mit einer allegorischen Darstellung der Semmering­bahn und einer Inschrift zur Baugeschichte zu sehen.

Bis 2010 war die Gewerkschaft vida (vorher: Gewerkschaft der Eisenbahner) hier beheimatet. Der historische Veranstaltungssaal, der bis zu 300 Personen Platz bot, dient von 1919 bis 1967 als Kino, später als Lagerraum und seit 1991 als Probebühne (und Außenstelle) des Volkstheaters. Der ebenfalls im Haus ansässige Kulturverein der ehemaligen Eisenbahnergewerkschaft, „Eisenbahner­heim – Zentrum 166“, unterhält ein Archiv zur Geschichte der Eisenbahn und ihrer Arbeitnehmer. Ein Teil des Gebäudes wird heute vom neunerhaus – Hilfe für obdachlose Menschen genutzt.

Link
Verein Eisenbahnerheim – Zentrum 166

Literatur: Eisenbahner. Das Magazin der Eisenbahnergewerkschaft, periodisch; Ingrid Fleck, Die österreichische Eisenbahnergewerkschaft, 1990; Inge Podbrecky, Rotes Wien, 2003; Helmut Weihsmann, Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919–1934, 1985/2002; Walter Zednicek, Architektur des Roten Wien, 2009.

HUBERT GESSNER

Sonderausstellung 2011/12

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